Das Chaos, die Ordnung und M. – die Geschichte einer Freundschaft

Wie sehr manche kleinen, unwichtig erscheinenden Entscheidungen doch manchmal an Gewicht gewinnen, ist eine vielaphorismierte Binsenweisheit. Dass dabei oft Oberflächlichkeit und Vorurteil am Schalthebel sitzen, fällt gern unter den Tisch. Und doch lässt es sich nicht leugnen: Wäre ich nicht ein oberflächlicher Mensch, der andere Menschen nach ihrem Aussehen beurteilen würde, es gäbe wohl keinen Blog. Oder zumindest nicht diesen hier.

Exposition

Zu Beginn des zweiten Semesters meines Geschichtsstudiums betrat ich nicht gerade begeistert den Raum, in dem die Veranstaltung „Exkursionsübung: Kriegsgefangenenlager in Rheinland-Pfalz“ (Grund für die mangelnde Begeisterung) stattfinden sollte. Ich wusste – wieder so eine vielaphorismierte Binsenweisheit: Der erste Eindruck zählt. Also betrat ich den Raum betont gelangweilt und betont kurz vor Beginn der Veranstaltung – also in dem, was ich damals für den Langzeit-Studentenhabitus hielt. Und natürlich entschied mein erster Eindruck über den Sitzplatz. Ich schloss ganz oberflächlich alle Frauen aus, die schöner oder deutlich älter waren als ich, und alle Männer, die so aussahen, als würden sie gern auf Mittelalter-Festivals gehen.

Es blieb nur ein potentieller Sitznachbar übrig. Er saß hinten und trug eine Cap. Das ließ mein Herz gleich sechzehn Bars höher schlagen. Es war eine Snapback, keine Flexfit. Perfekt. Er war ein bisschen blass um die Nase, trug, meiner Erinnerung nach, ein graues Cleptomanicx-Shirt und schien an diesem Tag bereits geduscht zu haben. Das reichte erstmal aus, um mich einigermaßen begeistert neben ihn zu setzen. Natürlich wäre es schön, wenn ich jetzt erzählen könnte „M. hat mich gleich mit seiner freundlichen Art und seinen intelligenten Beiträgen zum Thema Kriegsgefangene von sich überzeugt“, aber es wäre gelogen. Versteht mich nicht falsch: Natürlich ist M. unheimlich intelligent und zeigte dies auch in besagter Exkursionsübung (was wirklich eine Leistung ist). Aber das wurde mir eben erst später klar.

Annäherung

Es folgte ein, wie erwartet, schwer zu ertragendes Seminar einschließlich mühseliger Exkursion bei 35 Grad im Schatten. Das führte aber glücklicherweise dazu, dass M. und ich erst Leidensgenossen und schließlich Freunde wurden. Für unsere Freundschaft grundlegend waren vor allem zwei Berliner Sommernächte, in denen wir nicht zuletzt auch ein Trio wurden. Das Trio – bestehend aus mir, M. und J. – teilte nicht nur die Abneigung gegen gewissen Veranstaltungen des Geschichtsstudiums, sondern vor allem eine Leidenschaft für Deutschrap. Diese Leidenschaft lebten wir auf diversen Konzerten exzessiv aus.

lackierte Fingernägel rosa blau grün

Absolutes Highlight: Unser rosa-blau-grünes Gruppenkostüm bei der Orsons-Tour 2012. Inklusive lackierter Fingernägel – siehe Bild. Letzteres ersparte sich M. zwar, dafür trug er mich aber eine halbe Ewigkeit auf seinen Schultern. Das veränderte meine Perspektive erheblich und erlaubte mir, einige (400) Fotos von meinem Schwarm (Maeckes) aus nächster Nähe zu schießen. Aber M. war sich auch nicht zu schade, mich als tatsächliche ‚Fotografin‘ an seiner Seite in den Backstage der Tapefabrik im Schlachthof Wiesbaden zu schmuggeln. Dort schoss er ein Foto von mir und Visa Vie. Was für ein Fangirl-Moment. Außerdem folgten diverse Peinlichkeiten bei Versuchen, Maeckes zu einer Ehe zu bewegen (mit mir oder J. – nicht M.) und häufiges Mitgerappe in Küchen, Bussen und Autos.

Peripetie

Und dann, nach fünf Jahren Freundschaft, in denen wir quasi alles miteinander geteilt haben, teilte M. mich mit der Welt. Zu meinem Geburtstag schenkte er mir diesen Blog und damit sein Vertrauen, seinen Glauben an mich. Und was könnte es schöneres geben, als einen wunderbaren Menschen, der an einen glaubt? Das klingt jetzt wieder vielaphorismiert, aber es ist wahr. Und das hat er jetzt davon: Zu seinem Geburtstag bekommt er eine peinlich lange Charakterstudie. Das geht sicherlich gegen seine Ur-Idee des Blogs. Denn er hatte dabei hauptsächlich meine Leidenschaft für Deutschrap im Sinn, ich aber möchte im Sinne unserer Freundschaft und der vielaphorismierten Weisheiten sagen: Ein Mensch hat immer mehrere Facetten und ich muss meine eben auf diesem Blog ausleben.

Eloge

Eigentlich ist es vor allem M., der viele Facetten hat. Er ist eben nicht nur ein Model und sieht gut aus. Er kann Blogs bauen, wunderschöne Cocktails zusammenstellen und ist auch sonst handwerklich begabt. Außerdem kann er voller Überzeugung mittelmäßig Gitarre spielen und dazu singen. Ich bewundere ihn für dieses freudige Selbstbewusstsein und habe versucht, es mir für mein mittelmäßiges Schreiben zum Vorbild zu nehmen. Im Großen und Ganzen (vor allem im Großen, M. ist schließlich über 1,90 m) ist M. aber natürlich alles andere als mittelmäßig.

Seine Qualitäten als Wingman suchen ihresgleichen. Er bescherte mir sogar einmal Erfolg, ohne überhaupt anwesend zu sein. Ein Telefonanruf genügte. Das liegt mit Sicherheit an seinem nordischen Charme: unaufdringlich, aber nachhaltig. Genau so teilt er auch Wichtiges mit und scheut dabei keine Konflikte. Vor allem nicht, wenn es um seine M. geht. Dass er mir ins Gesicht gesagt hat, dass ich manchmal eine ganz schöne Kackbratze sein kann (sinngemäß), werde ich ihm nie vergessen (im positiven Sinne). Nie werde ich auch die vielen Abende und manchen Nächte in seiner WG vergessen, denn er ist der vielleicht gastfreundlichste Freund, den ich kenne. Das Bett ist immer gemacht, es liegen ein Buch und warme Socken bereit. In seiner Küche habe ich so manche schöne Stunde mit wunderbarem Essen versüßt bekommen. Manchmal wird ihm seine Leidenschaft fürs Kochen und Backen auch zum Verhängnis. Fast hätte er sich einmal an einer Geburtstagstorte für J. schwer verletzt. Glücklicherweise rettete ihn der Schmorgeruch seiner Adidas-Trainingsjacke vor schlimmeren Verbrennungen. Für die Jacke kam allerdings jede Hilfe zu spät. Er trug sie trotzdem noch ein paar Monate.

Style (und Geld)

Das bringt mich dazu, sein Stil-Bewusstsein hervorzuheben. Vom Cleptomanicx-Shirt und der Snapback bis heute war es ein weiter Weg. Sicherlich gab es den ein oder anderen Ausrutscher, die werden aber von seinem kombinatorischen Gespür in Sachen Pastell-Farben mit nordischer Note in den Schatten gestellt. Neidvoll blickte ich so manches Mal auf seine Sneaker-Sammlung und auf die Tatsache, dass er selbst mit dem Schweinchen-Shirt der Orsons nicht lächerlich aussieht. M. kann einfach alles tragen. Sogar die Bürde, von mir mittelmäßig beschrieben zu werden. Und das auch noch an seinem Geburtstag. Ich hoffe, er verzeiht mir.

Lieber M., in der Kathedrale meines Herzens brennt eine Kerze für dich. Es ist mir ein inneres Kirschblüten-Fest. Und andere Vielaphorismierte Wege, dir zu sagen: Danke. Oder um es in einen Rap-Song zu packen:

Du ziehst Mundwinkel hoch und Kinnladen runter.

PS: Das Wort „vielaphorismiert“ habe ich übrigens erfunden. Und ja, ich bin ein bisschen stolz darauf.

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