Die Angst der Frau vor dem Heimwerken

Gemeinhin halte ich mich für relativ emanzipiert. Ich habe einen Job, einen Studienabschluss und einen Führerschein. Ich kann mich in Männerrunden durchsetzen und traue mich gelegentlich sogar mit unrasierten Beinen auf die Straße. Sobald es aber ans Heimwerken geht, versetze ich mich selbst in die fünfziger Jahre zurück. Warum?

Voller Stolz postete ich am 2. Januar 2013 ein Foto von meinem neusten Wandschmuck auf Facebook: Einem selbstgemalten Bild, angebracht mit einem Nagel. Ich postete es nicht etwa, weil ich mein künstlerisches Talent publik machen wollte (siehe Foto), sondern weil ich verdammt stolz darauf war, es aufgehängt zu haben. Ein Bild. Mit einem Nagel.

Mit Fingerfarben gemaltes Bild an weißer Wand über Postkarten und Notizzetteln

Das war damals ein großes Ding. Und auch heute sind solche Dinge irgendwie noch groß. Also vielleicht nicht mehr einen Nagel in die Wand hauen, aber alles andere schon. In unserer neuen Wohnung habe ich beispielsweise die Rollos selbst angebracht. Will heißen: die Anbringung zusammengebaut (und geschraubt!) und dann angeklebt. Dabei habe ich nur drei Mal geweint. Das erste Mal gleich beim ersten „Lesen“ der nur aus Bildern bestehenden Anleitung. Ich habe sie einfach nicht verstanden. Sofort habe ich die Anleitung per Foto an meinen Freund geschickt in der Hoffnung auf Erklärung.

Der Kampf mit den Windmühlen.

Er lieferte sie nicht. Und ich muss ihm dafür dankbar sein. Wenn er da gewesen wäre, ich hätte ihn mit den Rollos zurückgelassen und stattdessen das Mittagessen gekocht. Kein Scheiß. Und er hätte sich hingesetzt, alles genau studiert und dann losgelegt. Drei Stunden später wären die Rollos angebracht gewesen und mein Vorurteil bestätigt: Er hat halt diesen Ingenieursblick und ich verstehe Foucault besser als IKEA-Anleitungen.

Nun war ich aber allein und mein Handy blieb stumm. Ich hab mir also die Tränen abgewischt und das ganze in Ruhe betrachtet. Beppo Straßenkehrer: ein Schritt nach dem anderen. Und siehe da: Trotz wiederholter Rückschläge in Form von Verkehrt-Rum-Montieren und schlechtem Kleber habe ich die Rollos irgendwann an den Fenstern gehabt.

Das Gefühl danach – unbeschreiblich. Eine Mischung aus Leonardo DiCaprio am Bug der Titanic und Isaac Newton unterm Apfelbaum.

War das also der Durchbruch? Leider nein. Seit der Bockmister da ist, gebe ich die vermeintlich schwierigen Aufgaben an ihn ab: Er bohrt, ich halte den Staubsauger. Man möchte lachen, wenn es nicht so absurd wäre; denn wir haben beide noch nie gebohrt und er mindestens genau so Angst davor einen Wasserschaden anzurichten wie ich. Trotzdem bringt er das Regal an und ich assistiere.

Heimwerken ist Männersache.

Woran liegt das? Natürlich an der Erziehung, ist meine erste Eingebung. Schließlich werden wir zu Männern und Frauen erzogen. Ihm wird beigebracht, technische Probleme spannend zu finden und zu lösen. Mir wird beigebracht, dass ich aufgrund meines niedlichen Aussehens jemanden finde, der den Job für mich macht. Aber die Erklärung greift zu kurz. Nicht nur, weil er sich offenbar auch nicht besonders gut mit dem Heimwerken auskennt, sondern auch, weil ich diese Mechanismen ja durchschaue. Warum reicht das dann nicht um sie zu durchbrechen?

Ich glaube, es liegt schlicht und ergreifend daran, dass es so verdammt bequem ist. Es ist angenehmer, jemandem dabei zuzuschauen, wie er sich mit dummen Klebe-Rollos abmüht, als selbst drei Stunden damit zu kämpfen. Es ist schöner, Dinge zu tun, in denen man schon gut ist und die gelingen, als über einer Anleitung, für deren „Lesen“ man keine Strategie gelernt hat, zu verzweifeln. Und wenn man dann gelernt hat, dass es eine Gruppe Menschen gibt, die qua Geschlecht dazu verpflichtet ist, diese Dinge zu können und daraus ihren Selbstwert zieht, dann ist der Weg des geringsten Widerstands gefunden.

Aber auf lange Sicht hilft es ja nichts: Irgendwann kommt die Situation, da man mit den Rollos, die einem das Leben gibt, allein ist. Und dann muss man sie anbringen, oder alle schauen einem andauernd ins Schlafzimmer. Deshalb haben der Bockmister und ich eine emanzipatorische Beziehungsabsprache getroffen: Nächstes mal bohre ich. Ob wir wollen oder nicht.

 

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