Eine Ode ans Boxen

Wenn Menschen mich fragen, welchen Sport ich treibe, lässt meine Antwort regelmäßig Gesichter entgleisen. Boxen? Manche zeigen sich schockiert, ich sei doch „ein hübsches Mädchen“ oder würde eben „gar nicht so aussehen“. Andere fragen, ob ich denn „so richtig“ boxen würde und warum zur Hölle ich mir das denn „antue“. Die offensichtliche Antwort: Damit ich Menschen, die mir solche Fragen stellen, im Zweifelsfall schlagen kann. Nein, ernsthaft: Es gibt einige gute Gründe.

First things first: Ich finde (Achtung: Hyperbel zwecks Pointierung), mit meinem 35 cm Bizeps, dem Stiernacken und den strammen Waden sehe ich schon aus wie eine Boxerin, auch wenn meine Nase noch nie gebrochen worden ist. Mir ist klar, dass die meisten, die meinen, ich würde nicht wie eine Boxerin aussehen, eher meine Nase als meinen Bizeps betrachten. Trotzdem. Ich trainiere viel dafür, wie eine Boxerin auszusehen und vor allem zu kämpfen. Deshalb  fühle ich mich von solchen Aussagen immer eher beleidigt als geschmeichelt.

Pure Brutalität?

Verrückt finde ich, wie plötzlich wildfremde Menschen in Sorge um das elfengleiche, feminine Wesen sind, das sie in mir sehen, wenn sie erfahren, dass ich boxe. Boxen ist doch so „brutal“ und „roh“, das ist nichts für „jemanden, wie mich“. Jemand wie ich ist in diesem Zusammenhang „zart“ und „zierlich“, manchmal gar „zerbrechlich“. Alles nicht unbedingt Begriffe, die ich zur Selbstbeschreibung verwenden würde. Wie es kommt, dass dem Boxsport so eine pure Brutalität zugeschrieben wird, kann ich mir nicht erklären. Der ohrenabbeißende Mike Tyson scheint im kollektiven Gedächtnis einfach deutlich präsenter als der vegane Taubenliebhaber Tyson. Trotz Hangover. Deshalb hier der Versuch, das brutale Image ganz zart aufzubrechen.

Intelligenter Schlagabtausch

Boxen ist eine intelligente, feingeistige Sportart (Achtung: keine Ironie zwecks Pointierung, sondern nur die reine Wahrheit). Boxen hat mit Prügeln ungefähr so viel zu tun wie Krieg und Frieden mit Milchschnitten: Gar nichts, außer der gelegentlichen Nennung im selben Satz, während die Klitschko-Brüder auf einem Bildschirm zu sehen sind. Nie, weder im Training noch im Ring, ist wildes, weit ausholendes Schlagen Sinn, Zweck oder Ziel dieses Sports. Kurz: Ohne Technik keine Punkte und meistens früher oder später kein Bewusstsein. Ein Schlag muss möglichst schnell ausgeführt werden, ganzheitlich aus der Körpermitte heraus gesteuert. Mit dem unkontrollierten Armschlenkern eines angetrunkenen Stammtischverteidigers hat das absolut nichts zu tun. Boxen ist nicht brutal, nicht roh und meistens nicht mal aggressiv.

Tanzen und Fliegen

Wenn ich Boxen mit etwas vergleichen müsste, dann schon eher mit dem Tanzen. Schließlich tänzeln Boxer ganz buchstäblich durch den Ring. Selbst die Schwergewichte bewegen sich verhältnismäßig galant und leichtfüßig, denn: Langsamkeit ist der schnellste Weg zum Knock Out. Ich bekomme das besonders häufig zu hören und spüren, denn als Super-Fliegen-Gewicht ist „Fly like a Butterfly, Sting like a Bee“ die einzige Option. Die Arme meiner Gegner werden immer länger sein als meine, das heißt, ich muss so schnell in die Reichweite springen, zuschlagen und wieder aus der Reichweite springen, dass ich selbst nicht getroffen werde. Klappt bisher eher so mäßig. Wenn es mal richtig schief geht, habe ich danach wenigstens die Nase, die mich als Boxerin identifiziert.

Boxen heißt Disziplin und Respekt

Zu guter Letzt (Achtung: Scheinbare Paradoxie zwecks Pointierung): Boxen ist so viel mehr als Boxen. Boxen ist pünktlich sein, sonst Liegestütze; zuhören, sonst Liegestütze; durchhalten, sonst Liegestütze. Ohne Disziplin schafft man es nicht mal bis in den Trainingsring. Aufgeben ist keine Option. Boxen ist aber auch – wie jeder Kampfsport (und natürlich HipHop) – „each one teach one“. Du kannst immer etwas lernen und du kannst immer jemandem etwas beibringen. Ohne Respekt in seiner elementarsten Form kommt kein Boxtraining aus: Jeder wird mit seinen Stärken und Schwächen ernst genommen.

Mir ist klar, wie schwärmerisch das klingt. Natürlich habe ich in mittlerweile vier Jahren in verschiedenen Kontexten auch Situationen erlebt habe, in denen diese Voraussetzungen nicht gegeben waren und grundlegende Regeln verletzt wurden. Natürlich habe ich Sexismus erfahren, habe mich ungerecht behandelt gefühlt und war frustriert. Aber: Das hat nichts mit dem Sport an sich zu tun. Ähnliches erlebe ich auch anderswo und zwar beileibe öfter. Zum Beispiel in Gesprächen mit mehr oder weniger fremden Menschen über das Boxen.

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