Große Frauen machen etwas her

Lieber klein und zackig als groß und dappig“ ist natürlich ein sehr diskriminierender und unwahrer Spruch. Deshalb rückt meine liebe Freundin Katharina die Sache noch in ein anderes Licht. Schließlich gibt es immer (mindestens) zwei Seiten einer Medaille. Und es gibt auch einen abstrusen Grund, warum dieser Beitrag nicht das Titelbild bekommen hat, das er eigentlich bekommen sollte (Clickbait)…

„Große Frauen machen etwas her“, ist der Spruch meiner Mutter, wenn ich mich mal wieder über meine Körpergröße beschwere und so wurde es über die Jahre auch mein Mantra.

In der siebten Klasse wurde ein Klassenfoto von mir gemacht, das in seiner Essenz mein Leben beschreibt. Ich war die Größte in der Klasse und der wenig talentierte Fotograf stellte mich damals in die Mitte, hinter alle meine Klassenkameraden. Vorne saßen und standen die Mädchen der Klasse, dahinter standen die Jungs in zwei Reihen und die Lehrerin. Und hinter allem ich, in der Mitte, einen Kopf größer als der Rest. Körperlich fiel und falle ich einfach aus der Norm. Ich gehörte nicht zu den Mädchen, da diese fast zwei Köpfe kleiner waren, aber ich war eben auch kein Junge. Also musste eine eigene Reihe her für das großes Mädchen. Dieser optische Normbruch, eine große Frau zu sein, verfolgte mich durch mein bisheriges Leben und wird mich vermutlich auch weiterhin verfolgen.

Wie verstörend dieser optische Bruch ist, keine kleinen Frau zu sein, zeigen für mich die Momente, in denen ich jemanden kennenlerne. Jeder, und ich übertreibe hier nicht, jeder spricht mich irgendwann auf meine Körpergröße an. Dabei dominieren zwei Fragetypen. Der eine ist die Frage: „Wie groß bist du eigentlich?“ Der andere ist eher eine Halbfrage, „Du bist aber groß?!“. Auf letztere habe ich vor ein paar Jahren beschlossen konsequent mit „Nein, finde ich nicht!“ zu antworten, nur um ein verblüfftes Gesicht zu sehen.

Beide Fragen zielen jedoch auf das Gleiche: Sie kontextualisieren mein körperliches Anderssein und fordern eine Validierung meinerseits: Ja, ich bin ‚zu groß‘ für eine Frau. Interessanterweise scheint dies dann gleich die Tür zu öffnen für Aussagen wie: „Naja, die Männer von heute werden ja auch immer größer.“ Daher wird meine Größe meist automatisch auch noch mit meinem Sexualleben verbunden, das ich dann mit einer fast fremden Person besprechen muss. Darin impliziert liegt aber außerdem anscheinend mein ultimatives Lebensglück, nämlich einen größeren Partner zu finden, mit dem ich dann große Babys zeugen kann. Dass ich vielleicht auch einfach so glücklich sein kann oder – Gott bewahre – mein Partner nicht größer sein muss als ich, ist dabei keine Option. Zu dieser emanzipierten Haltung, die ich heute versuche zu leben, kam ich aber leider auch nicht mit elf.

Während meiner Pubertät war ich gefangen in den stereotypen Vorstellungen wie eine Frau zu sein hat: nämlich klein, zierlich und blond. Eben ein Geschöpf, dass bei dem anderen Geschlecht einen Beschützerinstinkt auszulösen hat. Ich bin keines davon. Ich bin groß, normal gebaut und habe dunkelbraune kurze Haare – ein weiterer ästhetischer Normbruch. Ergo (pardon my French): Shit happens, du bist kein Klischeefrauchen. Ich habe mich nicht hässlich gefühlt, aber eine abtuende Haltung à la „Auf mich steht eh keiner, weil ich so groß bin“ entwickelt. Eine kleine nagende Stimme, die vollkommener Quatsch ist, aber alle repressiven Frauenbilder der modernen Gesellschaft in meinem Kopf vereinigt und gleichzeitig die perfekte Ausrede für jede fehlgeschlagene romantische Interaktion in meinem Leben ist. Es hilft nicht, dass ich mir dazu auch tatsächlich Sprüche von Partnern und Freunden anhören durfte im Stile von „Du bist einfach zu groß“ oder (nettgemeint, aber eben nur gemeint) „Die haben einfach Respekt vor dir.“ Damit bin ich nicht nur eine große Frau, ich werde zu einer angsteinflößenden, großen Frau, einem Superlativ.

Dabei mag ich es, groß zu sein. Wenn ich den Raum betrete sieht man mich und nimmt mich wahr. Ich stehe in einer Menschenmenge und habe keinen klaustrophobischen Anfall, weil ich nur Schultern sehe. Ich erreiche alle Regale im Supermarkt und muss niemanden um Hilfe fragen. „Große Frauen machen eben etwas her.“ Was mich stört ist die ständige Erinnerung daran, dass ich durch meine Körpergröße Normen breche. Dass ich beweisen muss, das ich eine Frau bin, die attraktiv ist, trotz – oder gerade wegen – ihrer Größe. Dass keiner merkt, dass ich, trotz meiner Größe, auch mal Hilfe brauche, oder beschützt und in den Arm genommen werden möchte.

Also hier ein kleiner Tipp für alle, die große Frauen kennenlernen: Fragt nicht wie groß sie ist. Ich frage ja auch nicht, wie viel ihr wiegt, wenn ihr nicht dem BMI entsprecht. Nehmt sie stattdessen als die Schönheit hin, innen wie außen, die sie euch präsentiert. Denn hey, Größe ist auch nicht immer alles.

Achja, da war noch was… Das eigentliche Titelbild ist daran gescheitert, dass wir keinen Bildausschnitt finden konnten, auf dem unsere beiden Gesichter vollständig zu sehen waren. Was sagt man dazu?

Eine Antwort auf „Große Frauen machen etwas her“

  1. Meine Liebe, es hat mir große Freude gemacht deinen Artikel zu lesen. In der ein oder anderen beschriebenen Situationen hab ich mich wiedergefunden.
    Anstatt wie so manche große Frauen, die versucht sich klein zu machen und unauffällig zu sein, hab ich mich bemüht “meiner Größe gerecht zu werden“. –> Ich bin groß, also bin ich stark und muss alles alleine schaffen. Eine ziemliche Fehleinschätzung, wie ich mir selbst eingestehen musste …
    Jetzt bin ich lieber so, wie ich eben grad bin – mal laut, mal leise, stark und unabhängig oder kraftlos und anhänglich. Egal was, ich bin groß und manchmal sogar noch größer, weil ich meine Highheels anzieh.

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