Lieber klein und zackig…

… als groß und dappig.

Ich glaube, es war mein Vati, der mir diesen Spruch als Verteidigung für die harten Dorf- und Kleinstadtschulhöfe dieser Welt ans Herz gelegt hat und ich weiß noch, dass ich ihn mit fünf Jahren sehr kess fand. Mit fünfzehn hörte ich dann wohl spätestens auf, ihn als Standarderwiderung auf Standarderniedrigung zu verwenden. Die Beleidigungen hatten sich zu sehr verändert.

Niemand sagte mehr „Du siehst ja aus wie zehn“ oder „Du bist zu klein, um beim Fußball mitzuspielen“. Auf dem Schulhof, in meinem Kopf und auch sonst überall ging es jetzt hauptsächlich um Sex. Und gegen „Standgebläse“ erschien der kleine Zweckreim mir einfach nicht mehr passend.

Ich erinnere mich, dass mich diese Beleidigung ziemlich traf und – was wirklich eher selten vorkommt – sprachlos machte. Natürlich bin ich mir bewusst, dass die hartpubertierenden Jungs das nicht so gemeint haben. Boys will be boys und so, aber ernsthaft: Mir hat es ziemlich die Sprache verschlagen, sexuell so objektiviert und erniedrigt zu werden, ohne überhaupt wirklich eine Ahnung davon zu haben.

Glücklicherweise ließ die beleidigende Phase in Richtung Oberstufe allgemein nach und ich lernte die tatsächlichen Vorzüge des Kleinseins kennen (zackig sein gehört nicht dazu, das bin ich, wenn überhaupt, nur verbal). Als kleine Frau ist es zum Beispiel sehr einfach, Hilfe zu bekommen. Hilfe bei Hausaufgaben, beim Möbel aufbauen. Man kann sich abholen oder Drinks spendieren lassen (meist in umgekehrter Reihenfolge). Ich bin mir nicht sicher, ob anderen bewusst ist, dass die süße Hilflosigkeit oft knallhartes Kalkül oder wenigstens gewohnheitsmäßige Bequemlichkeit ist.

Trotz eines jahrelangen Emanzipationsprozesses von meiner Kleinheit gestehe ich, dass ich die Karte ab und an noch spiele. Per se wird man als unschuldig wahrgenommen, während andere die Strafe kassieren. Leute neigen dazu, einen in der Opferrolle zu sehen und insbesondere Männer sind stets bemüht, zu beschützen und behüten.

Ich gebe zu: Ich habe in meiner Jugend sicherlich jemanden gebraucht, der ab und zu auf mich aufpasst. Und ich bin heilfroh, dass all der Mist, den ich gebaut habe, nie an mir hängengeblieben ist und ich mit weißer Weste und rein riechend niedlich da raus gekommen bin. Aber – und dieses aber ist wirklich groß, über Kopfhöhe jedenfalls – die Gefahr, bei all der Hilfe und all der Unschuld eben hilflos und naiv zu bleiben ist groß.

Inzwischen sehe ich deshalb nicht jedes Angebot von Hilfe und jedes Kompliment als eben das an. Wenn ein Mann sagt, er findet kleine Frauen besser und seine Freundin dürfe jedenfalls auf keinen Fall größer sein als er, rieche ich sofort einen egozentrischen, im Herzen sehr kleinwüchsigen Macho, der nach einem hundeähnlichen Accessoire sucht, das aber stubenrein und fickbar ist. Natürlich ist das eine übertriebene Gegenreaktion meinerseits, aber sie ist eben nicht völlig aus der Luft gegriffen. Dinge passieren. Und nur weil ich klein bin, heißt das nicht, dass ich da nicht den Überblick haben kann.

Unangebrachte Sonderbehandlungen aufgrund meiner Größe lehne ich inzwischen mit einem breiten (manchmal etwas gezwungenen) Lächeln fast immer (nobody’s perfect) ab. Danke, ich kann einen Kasten Sprudel selbst zum Auto tragen und ich schaffe es auch, etwas aus dem obersten Regal im Supermarkt zu nehmen. Wenn ich wirklich Hilfe brauche, dann bitte ich darum.

Worum ich aber am liebsten bitten würde, ist ein bisschen Respekt. Ich möchte einfach gerne, unabhängig von meiner Körpergröße, als gleichwertig, also vollwertig, wahrgenommen werden. Dazu gehört auch, dass ich kein Mädchen mehr bin. Schon lange nicht mehr. Ich bin eine erwachsene Frau, auch wenn ich Kleidung in der Kinderabteilung einkaufen kann. Ich kann vieles und einiges auch nicht, aber nichts davon steht in irgendeinem Zusammenhang mit meiner Größe (außer vielleicht Lufthansa Pilotin oder Germany’s Next Topmodel werden).

4 Antworten auf „Lieber klein und zackig…“

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