Liebes Tagebuch

Vampire führen es über Jahrhunderte hinweg (zumindest laut popkultureller Meinung). Captain Scott nahm seins bis zum Nordpol mit, Captain Kirk sogar ins All. Martin Walser hatte eins, bis er es im Zug liegen ließ. Und Ernest Hemingway schrieb seins zeitweise in Pamplona – genau wie ich. Eine Ode an meinen treuen Begleiter und ein paar kritische Gedanken.

Liebes Tagebuch,

seit den ersten heftigen pubertären Vulkanausbrüchen bist du an meiner Seite. Du allein bist über alle meine Eruptionen – Enttäuschungen, Träume, Sehnsüchte, Verletzungen – und den gelegentlichen emotionalen Schluckauf informiert. Alles habe ich dir anvertraut, vieles nie wieder gelesen und manches, wenn ich es wieder lese, habe ich schon vergessen. Ohne dich hätte ich es also nie erlebt. Du hilfst mir Dinge zu vergessen, ohne sie zu verlieren. Alles, was mich bewegt, kotze ich ungefiltert auf dich aus und wie von selbst schaffst du Ordnung. Manchmal dauert es ein paar Stunden, manchmal Tage, in seltenen Fällen sogar Jahre, aber immer gelingt es dir, alles sinnhaft erscheinen zu lassen.

Seit ich vierzehn bin schreibe ich regelmäßig Tagebuch. Regelmäßig heißt nicht jeden Tag, es heißt nicht mal durchgängig. Es heißt nur, dass ich immer ein Tagebuch bei mir trage und so theoretisch die Möglichkeit besteht, Dinge festzuhalten. Parallel dazu führe ich auch Kalender – sehr akkurat. Ich kann über mehr als zehn Jahre zurückverfolgen, wann ich wen kennengelernt oder geküsst habe, wie viele Joints ich konsumiert und welche Filme ich im Kino gesehen habe. So formuliert klingt es fast nach einem Wahn, einer ungesunden Obsession mit der Erinnerung und ich glaube, zeitweise ist es das auch. Ich habe große Angst davor, Dinge zu vergessen, die mir einmal wichtig waren. Die Scheinriesen der Erinnerung: Augenblicke, die in dem Moment, in dem man sie erlebt, unfassbar wichtig erscheinen und einige Zeit später maximal noch ein Silberstreif an einem fernen Horizont sind, bevor sie schließlich ganz verschwinden. Wie hieß er noch gleich?

Doch das ist nur die eine Seite des Schreibens. Schließlich zeigen mir meine Bücher auch immer wieder die wahren Erinnerungsriesen, die mit keinem Wort erwähnt sind. Oder jedenfalls nicht mit dem richtigen. Vor allem zeigen sie mir immer wieder mich – eine sehr unangenehme Sache. Sie nehmen mir den Spielraum des Wiedererinnerns, indem sie mich immer wieder auf die Ursprungserinnerung zurückwerfen. Alle Überformungen und Umdeutungen werden dokumentiert. Und der Historiker in mir geht immer wieder den immer länger werdenden Weg zur Ursprungsquelle zurück und beginnt mit einem neuen hermeneutischen Zirkel. Ich weiß: Ein ultimatives, letztgültiges Verständnis kann so nicht erreicht werden, aber immerhin eine absolute Unsicherheit mich selbst betreffend. Wieso zum Beispiel habe ich dieses Tagebuch jemals schön gefunden? Und: Kann sich ein solches Desaster wiederholen?

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