Schreibblockade, Chaos und viele Fragen

Zum ersten Mal seit Stunde Null dieses Blogs habe ich in einer Woche keinen Artikel veröffentlicht. Sogar zwei Wochen dauert meine Schreibpause bereits an. Man könnte fast schon von einer kleinen Schreibblockade sprechen, denn einiges wurden angefangen und dann verworfen. Woran das liegt, darüber muss ich mir selbst noch ein wenig Klarheit verschaffen. So viel weiß ich jedoch schon: Die letzten Wochen haben viele Fragen aufgeworfen und einige unerwartete Antworten geliefert.

Endgegner Masterarbeit

Mitte März habe ich endlich meine 142 Seiten stolze Masterarbeit abgegeben. Da war von Schreibblockade noch keine Spur. Ich habe dann auch gleich einen Artikel darüber geschrieben, wie sehr sich meine Fähigkeit zum Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten in sieben Jahren Studium doch verbessert hat. Leider hat sich meine Fähigkeit zum übertriebenen Perfektionismus ebenfalls gut gehalten. Ich befand den Text für nicht gut genug und so verschwand er in der Schublade, die da heißt Entwürfe. Wahrscheinlich für immer.

Umzug

Wer denkt, eine Masterarbeit abzugeben, sei genug Veränderung und Stress für einen Monat, dem kann ich nur zustimmen. Leider habe ich das erst begriffen, als mein mir Körper mir signalisierte, dass ein Umzug Ende März dann doch etwas viel für ihn ist. Ich musste auf ihn hören und den Umzug deutlich verlangsamen, um eine Erkältung und eine Bindehautentzündung auszukurieren. Darüber habe ich auch einen Blogartikel geschrieben mit vielen klugen Lebensweisheiten und tiefgründigen Wortspielen rund um die Themenfelder ‚blind vor Wut‘ und ‚Nase voll‘.

Ich war dann aber der Meinung, dass es schon genügend Lebenshilfe-Blogs gibt – solche, die sehr gut sind und auch weniger gute. Jedenfalls sah ich da keinen Bedarf nach meinen halbgaren Altklugheiten. Auch dieser Blogpost landete also im gefürchteten Nirwana, wo er vielleicht eines Tages von einem Virus gefressen wird. So würde er dann wenigstens ein schöner Treppenwitz: Ein Text über Krankheit, der von einem Virus dahingerafft wird. Ha.

Wohnungssuche

Wer Umzug sagt, muss auch Wohnungssuche sagen. Nach nicht mal drei Wochen in meiner Zwischenresidenz, die gefüllt waren mit der Vorbereitung meiner mündlichen Prüfung, stand schon der nächste große Brocken an: Die Suche nach einer dauerhaften Bleibe in Berlin. Ich traue mich fast nicht, mich darüber zu beschweren. Denn immerhin bedeutet das, dass ich unmittelbar nach dem Studium eine Stelle gefunden habe, noch dazu eine, bei der ich für das Schreiben bezahlt werde. Also eigentlich ein sogenanntes Erste Welt Problem. Deswegen habe ich auch keinen Artikel über die Schwierigkeiten und Schikanen der Wohnungssuche geschrieben. Natürlich würde dieses Themenfeld aber einiges hergeben.

Angefangen beim Schufa-Schmu, wo der kostenlose Antrag, zu dem die Schufa gesetzlich verpflichtet ist, in den Untiefen ihrer Webseite versteckt ist und dann wochenlang bearbeitet wird. Wenn man bereit ist, 30 € zu zahlen, erhält man dieselbe Schufa ohne Umschweife direkt zugesandt. Na danke. Und dann die Unterlagen, die potentielle Vermieter und Makler sehen möchten. Ein Striptease bis in die intimsten Bereiche der Privatsphäre. Und dann die Wohnungen, die man angeboten bekommt. 50 m² mit 800 € Abschlagszahlung für eine Küchentheke ohne Spülmaschine und Kühlschrank. Warmmiete 1100 €. Achja, und der Boden müsste mal neu gemacht werden. Erste Welt Problem hin oder her, vielleicht wird da doch noch ein Artikel fällig, wenn die Suche und der dazu gehörige Erregungszustand noch länger anhalten.

Babysitten

Das i-Tüpfelchen auf dem veränderungsgeladenen Chaos der letzten Wochen waren dann aber die letzten Tage, die ich mit den Kindern meines Bruders verbracht habe. Er hat drei kleine Buben. Viereinhalb und voller Fragen (warum?), zweieinhalb und voller Verlangen (selber machen!) und zwei Monate mit vollen Windeln (nun ja.). Gemeinsam sind sie genug, um alles andere zu vergessen. Masterarbeit, Umzug und Wohnungssuche – das alles rückt in weite Ferne, wenn man sich mit den wirklich wichtigen Fragen befasst.

Warum gibt es Brennnesseln auf der Welt? Kann Jesus durch Wände schauen? Wie konnte er zum lieben Gott in den Himmel hochlaufen, wo er doch an den Füßen festgenagelt war? Und warum haben die Römer ihn überhaupt so gemein umgebracht? Wie bekommt man den Edel-Kieselstein wieder aus dem Gitter über dem Kellerfenster, wo er feststeckt? Und wie bekommt man einen Zweijährigen in ein Baumhaus, an dem die Leiter fehlt? Und vor allem: Wie bekommt man ihn wieder runter?

Fragen über Fragen

Über all diese Fragen wollte ich natürlich auch einen Blogartikel schreiben, bis mir aufgefallen ist, dass ich die meisten nicht wirklich beantworten kann. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Wie Rilke in seinen Briefen an einen jungen Dichter so schön schreibt, besteht die Aufgabe vielleicht eher darin

die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Jetzt habe ich also doch einen Artikel mit altklugem Lebensratschlag geschrieben. Und literarisch perfekt ist er mit Sicherheit auch nicht. Jetzt, wo der Bann einmal gebrochen ist, werde ich vielleicht doch nach und nach auch noch die anderen unperfekten Texte aus dem Entwürfe-Nirwana zurückholen.

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