Über den Umgang mit muskulösen Frauen

Der Umgang mit dem Anderen ist, darüber sind sich Kulturwissenschaftler*innen einig, immer ein guter Indikator für die Gesamtverfasstheit einer Gesellschaft. Das Andere kann dabei viele Gesichter haben. Das von Mesut Özil zum Beispiel. Es kann aber auch weniger individuell sein. Wie es um eine Gesellschaft steht zeigt sich auch daran, wie sie mit denjenigen umgeht, die gewissen Normen nicht entsprechen. Dazu gehört die muskulöse Frau, die mit ihrem Äußeren ganz grundsätzliche Machtstrukturen und Gewohnheiten infrage stellt. Der Umgang mit ihr fällt deshalb vielen schwer. Ein Leitfaden:

1. Look, don’t touch!

Eines vorweg: Man(n) kann davon ausgehen, dass sich Frauen ihrer Rundungen – ob Bizeps oder Busen – bewusst sind. Sie setzen diese auch gezielt in Szene. Deshalb gilt: Bewunderndes Betrachten ist legitim. Die meisten Frauen sind in der Lage, einen beeindruckten Blick als Kompliment zu deuten. Sie sind aber auch dazu fähig, ein unangenehm aufdringliches Starren als solches zu identifizieren. Dies sollte man(n) deshalb tunlichst vermeiden.

Was niemals, aber auch wirklich niemals in Ordnung ist (weder bei Bizeps noch Busen): Anfassen. Ungefragtes Betatschen ist keine besonders authentische Form des Kompliments, sondern ein Übergriff. Der einzige Grund, warum sich nicht jeder sofort eine (von einer muskulösen Frau besonders schmerzhafte) Ohrfeige einfängt ist, dass sie keine Szene machen möchte. Über diese Komplexität unserer patriarchal geprägten Gesellschaft könnte man wiederum einen eigenen Artikel schreiben. Jedenfalls sollte man vor dem Anfassen fragen. Zum Beispiel so: “Wow, du hast aber starke Oberarme. Darf ich die mal anfassen?” Der Vorteil einer solchen Galanterie? Die Frau wird, sollte sie Interesse an der Berührung haben, den Oberarm auch noch anspannen, was das haptische Erlebnis deutlich verbessert.

Muskulöse Frau in blauem Tanktop hält einen Klimmzug an Ringen

2. Muskulöse Frauen brauchen keine Legitimation. Schon gar nicht deine.

Egal, ob es zu einer Berührung kommt oder nicht – ein weiterer Kommentar ist danach nicht nötig. Sollte man(n) trotzdem das dringende Bedürfnis haben, die Prächtigkeit zu kommentieren, dann darf man(n) das natürlich gerne tun. Dabei sollte jedoch nicht der weibliche muskulöse Körper so thematisiert werden, dass der Eindruck entsteht, er bedürfe einer Legitimierung. Vor allem nicht deiner. Sätze wie “Ich finde das ja gut, wenn Frauen auch stark sind” oder “Das ist ja auch gut, dass nicht alle Frauen so dünne Models sein wollen” oder gar “Zu deinem Charakter passt das Robuste ja sehr gut” sind schlicht und ergreifend unangebracht. Immer. Die Frau hat nicht nach Legitimation gefragt. Sie braucht sie nicht. Und sie will sie auch nicht. Sie sieht so aus wie sie will und basta.

3. Es geht nicht um sexuelle Vorlieben. Schon gar nicht deine.

Niemand möchte wissen, wie man(n) seine Frauen am liebsten hat. Es ist außerdem ziemlich peinlich, offen zuzugeben, dass man in der Wahl der Sexualpartnerinnen derart rigide visuelle Präferenzen hat, dass schon ein muskulöser Nacken ein Ausschlusskriterium sein kann. Außerdem wird sich sowieso keine Frau jemals nach diesen Präferenzen richten. Oder wie stellt man(n) sich das vor? Soll ein Kommentar wie “Früher, als du noch mehr Titten hattest, fand ich dich geiler” mich dazu bewegen, meinen Fitnessplan zu überdenken?

Muskulöse Frauen wollen übrigens auch nicht hören, dass sie “trotz der Muskeln ganz heiß” sind. Sie wollen auch nicht die ausgeklügelte Skala von optimalem Busen-Bizeps-Verhältnis kennenlernen, die man(n) mit seinen Kumpels ausgeheckt hat. Ihnen lesbische Neigungen aufgrund ihres “männlich aussehenden” Körpers zu unterstellen ist dann wirklich das unterste Niveau, das man in diesem Zusammenhang erreichen kann.

In der Regel wollen muskulöse Frauen einfach gar nicht wissen, ob man(n) sie ganz generell noch begehrlich findet, oder ob ihre Muskeln “für eine Frau” doch schon ein bisschen zu viel sind. Was mich direkt zum nächsten Punkt bringt.

Muskulöse Frau in schwarzem Shirt und schwarzer Shorts in einem Fitnessstudio. Hält eine Hantelscheibe in der rechten Hand

4. Sag niemals „für eine Frau“. Wirklich nie.

Sie hat nicht ganz schön viele Muskeln “für eine Frau”. Sie ist auch nicht ganz schön stark “für eine Frau”. Sie ist einfach stark und hat viele Muskeln. Akzeptiere das und erkenne es auch so an. Sicherlich fällt man(n)chen das schwer, aber: Deine Männlichkeit und die aller anderen Männer wird dadurch nicht weniger. Und ihre Weiblichkeit übrigens auch nicht. Männer haben keinen Alleinanspruch auf Muskeln und sollten sich darüber eigentlich freuen. Wer wäre denn Verlierer in einer Welt, in der Frauen ihre Waschmaschinen beim Umzug alleine tragen? Richtig: Niemand.

Das biologische Argument, dass Männer von Natur aus eben stärker seien, ist dumm und schädlich. Vielleicht sind Männer insgesamt tatsächlich stärker. Wahrscheinlich liegt das aber mehr an ihrer insgesamt größeren Statur als an ihrem Penis. (Oder zieht man da Wunderkräfte raus von denen ich nichts weiß?) Und spätestens in individuellen Situationen, wie dem Zusammentreffen mit einer muskulösen Frau, hat diese Statistik dann gar keine Aussagekraft mehr. Diese einzelne Frau ist stärker als viele, viele einzelne Männer. Nochmal ganz plastisch und zum Mitschreiben: Regina Halmich hat am Beispiel von Stefan Raab deutlich gezeigt, dass sie nicht “stark für eine Frau” ist, sondern stark.

5. Hinterfrage nie grundlos ihre Fähigkeiten. (Gilt nicht nur für muskulöse Frauen.)

Wenn der neue Kollege erzählt, dass er nach der Arbeit Fußball spielen geht, werden die meisten in etwa so reagieren: “Ach, cool. Wo spielst du denn?” “Witzig, ich habe früher auch Fußball gespielt!” Diese Reaktionen erfolgen wahrscheinlich immer so, ganz egal wie besagter Kollege aussieht – dick, dünn, klein, groß. Wenn ich sage, dass ich boxe, fallen die Reaktionen eher so aus: “Wirklich?” “Aber du bist doch so ein hübsches Mädchen!” “So richtig?” “Bekommst du dann auch Schläge ins Gesicht?” Ich beantworte diese Fragen meist humorvoll und nett – ich will ja keine Szene machen. Aber mal ehrlich: Ich fühle mich persönlich beleidigt. Wieso kann man(n) nicht einfach hinnehmen, dass eine Frau boxt. Oder Rugby spielt. Oder was weiß ich. “Du siehst halt gar nicht so aus” ist dabei keine gute Rechtfertigung. Man(n), mit Verlaub, du siehst auch nicht aus wie Cristiano Ronaldo!

Frau in dunkelblauem Sport-BH und blau-weiß gescheckter Hose in Liegestüzposition draußen

Gleiches gilt für Kompetenzen als Trainerin oder Sportlerin. Wenn sie sagt, sie kann Liegestützen machen, dann kann sie das. Es besteht kein Grund nachzufragen, ob sie denn “richtige” machen würde. Das würde man(n) einen Mann auch nicht fragen. Außerdem besteht immer das Risiko, dass sie dich zu einem Wettstreit auffordert. Den du dann kläglich verlierst. Und überlege mal, wie das in der Gesamtverfasstheit unserer Gesellschaft beurteilt werden würde…

 

PS: Alle hier aufgeführten Zitate oder geschilderten Situationen sind mir oder muskulösen Freund*innen genau so passiert. Kein Scheiß. Nichts ist erfunden oder hinzugedichtet. Und wenn ihr nicht aufpasst, ändere ich beim nächsten Mal nicht mal die Namen redaktionell.

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