Warum gibt es keinen Feiertag für Männer?

Berlin gehört traditionell zu den Bundesländern mit den wenigsten Feiertagen. Wenn man, wie ich, aus dem feiertagsgesegneten Baden-Württemberg kommt, ist das ein harter Schlag: Heilige Drei Könige, Gründonnerstag, Fronleichnam und Allerheiligen – ersatzlos gestrichen. Trotzdem möchte ich nicht wieder zurück in den katholischen Süden, denn Berlin hat einen Feiertag, der besser ist: den Weltfrauentag. In diesem Jahr wird der 8. März in Berlin zum ersten Mal als offizieller Feiertag gefeiert. Das gefällt nicht allen. Nicht wegen des freien Tages natürlich, sondern wegen der Frauen: „Warum gibt es keinen Männertag???“ Hört und liest man (vorzugsweise in Großbuchstaben) allerorts. Ich bin so frei und erkläre das mal eben:

1. Es gibt bereits jede Menge Feiertage für Männer.

Die meisten Feiertage in Deutschland haben was mit Männern zu tun. Die heiligen drei Könige – Männer. Jesus, dessen Geburt, Kreuzigung und Auferstehung die wichtigsten Feiertage des Jahres sind – ein Mann. Der Vollständigkeit halber: An weiteren Tagen feiern wir seine Anwesenheit in der Eucharistie und seine Himmelfahrt. 

Erst vor kurzem wurde in vielen Bundesländern ein neuer Feiertag für einen Mann geschaffen: der Reformationstag. Er wurde Martin Luther zu Ehren etabliert. Sicherlich: Der Mann hat viel geleistet. Er hat sich aber in Sachen Antisemitismus und Misogynie auch einiges geleistet. Für mich ist er deshalb ein eher zweifelhafter Kandidat für einen eigenen Feiertag. 

Selbst Gründonnerstag, der Feiertag vor Ostern, ist männlich. Schließlich gilt er dem Gedenken des letzten Abendmahls an dem, entgegen der Meinung von Dan Brown, wohl auch nur Männer teilgenommen haben. 

Huren und Heilige

Auch Allerheiligen, was ja dem Namen nach ein sehr inklusiver Feiertag sein sollte, ist es nur zum Teil: Eine Auswertung der alphabetischen Liste aller Heiligen auf Wikipedia zeigt, dass nur ein Viertel der Heiligen Frauen waren. Der Rest der Frauen in der Bibel (etwas überspitzt formuliert) sind übrigens Huren. So viel dazu. 

Der Tag der Arbeit ist seiner Geschichte nach auch eher ein Männertag: Von männlichen Nationalsozialisten etabliert feiert er die damals wie heute vornehmlich männliche Arbeiterschaft. Wirklich neutral sind nur der Neujahrstag, der Tag der deutschen Einheit und der Buß- und Bettag (den, wenn wir ehrlich sind, absolut niemand feiert). 

Jetzt werden sicherlich viele denken (eventuell auch in Großbuchstaben): Aber was ist mit Mariä Himmelfahrt??? Okay, das ist ein Tag an dem wir eine Frau feiern. Aber (in Großbuchstaben): DAFÜR, DASS SIE EINEN MANN GEBOREN HAT. Und überhaupt: Wenn sie wirklich gleichberechtigt wäre, müssten wir an Weihnachten eigentlich sie feiern. Schließlich war Jesu Geburt für sie harte Arbeit und irgendwie zu mindestens 50 Prozent ihr Verdienst.

2. Es gibt auch bereits einen internationalen Männertag.

Der 19. November ist seit 1999 der internationale Männertag. Er ist kein offizieller Feiertag, aber er wird gefeiert. Ziel des Tages ist es, auf die gesundheitlichen Probleme von Jungen und Männern aufmerksam zu machen, die – so jedenfalls meine Meinung – größtenteils auf ungesunde Strukturen (aka das Patriarchat) zurückzuführen sind. Außerdem setzt sich der Tag für eine Gleichberechtigung der Geschlechter ein und will das Verhältnis zwischen den Geschlechtern verbessern. Die Gründer selbst sagen, sie wollen nicht mit dem internationalen Frauentag konkurrieren, sondern an diesem speziellen Tag lediglich die Erfahrungen von Männern in den Fokus stellen. Gekoppelt ist der Tag mit dem Movember, der auf die Gefahren von Prostatakrebs aufmerksam machen soll. 

Feiertag für fragile Männlichkeit?

Im Prinzip habe ich nicht mal etwas dagegen, diesen Tag auch zu einem Feiertag zu machen. Solange es dabei um eben die Themen geht, für die der internationale Männertag bisher steht: die Anerkennung von Männern als gleichberechtigten Elternteilen in der Arbeitswelt, die Vergrößerung der Awareness für psychische Probleme von Männern aufgrund der ihnen zugeschriebenen Rollenbilder und die Verbesserung der körperlichen Gesundheit von Männern und die Steigerung ihrer Lebenserwartung. 

Ich wäre allerdings für eine Umbenennung des Tages, um eine Vereinnahmung von Vertretern einer konservativ-toxischen Männlichkeit zu vermeiden. Man könnte ihn zum Beispiel Fuck Patriarchy Tag nennen. Oder ganz deutsch: Anti-Patriarchatstag. Oder Gleichberechtigungstag. Oder Männer sind auch nur Menschen Tag. 

3. Man braucht keinen Feiertag, um an Männer zu denken.

Deshalb die Namensänderung. Vielleicht leichter nachvollziehbar mit einem Vergleich: In den USA feiert man bis heute gemeinhin den Columbus Day, den Tag der „Entdeckung“ Amerikas. In Kalifornien hat man sich dazu entschieden, diesen Tag umzubenennen und als Indigenous Peoples Day zu feiern. Warum? Ganz einfach: Kolumbus ist für den Genozid an vielen indigenen Volksstämmen mitverantwortlich dadurch, dass er den amerikanischen Kontinent für Europa zu kolonialisieren begonnen hat. Ihn zu feiern, den Unterdrücker, ist falsch. Den Unterdrückten durch einen offiziellen Feiertag zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen und ihnen wenigstens symbolisch Würde zurückzugeben ist richtig. Es kann nicht der einzige und auch nicht der wichtigste Schritt zur Wiedergutmachung sein, aber es ist ein Anfang. 

Ähnlich ist das mit dem Männer- und Frauentag: Frauen haben jahrhundertelang für ihre Gleichberechtigung gekämpft. Sie haben sich das Wahlrecht erkämpft, das Recht auf einen eigenen Job, einen Führerschein und das Recht auf Scheidung. Sogar das Recht, Hosen zu tragen musste erstritten werden. Noch heute kämpfen sie weltweit – sogar in Deutschland, wie die Sache mit dem Paragrafen 219 a zeigt. Leider waren und sind oft Männer der Grund für die Unterdrückung der Frauen. Natürlich nicht alle Männer, aber eben doch die meisten, trugen bzw. tragen passiv oder aktiv zur Unterdrückung der Frau bei. 

Männer auf der Sonnenseite des Lebens

Deshalb mutet es doch zumindest seltsam an, einen Feiertag für den Mann einzurichten, der in den meisten Gebieten aller aktuellen und vergangenen Gesellschaften sowieso auf der Sonnenseite des Lebens gelebt hat. Das soll nicht heißen, dass es allen Männern zu allen Zeiten gut ging, sondern, dass es ihnen im Vergleich zu den Frauen in den entsprechenden Gesellschaftsschichten meist besser ging und geht. 

Und wie gesagt: Für die Bereiche, in denen es Männern schlechter geht, (namentlich: Gesundheit und Erziehung) kann man gerne den internationalen Männertag feiern. Und ihn sogar im Zweifelsfall zum Feiertag ausrufen lassen. Weniger arbeiten finde ich natürlich immer gut (und ich glaube, da spreche ich für die meisten Feminist*innen). 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.