WenigerMehr: Eine erste Zwischenbilanz

Etwas mehr als fünfzig Tage läuft das Projekt wenigerMehr schon. Damit habe ich schon mal länger durchgehalten als Josh Hartnett in 40 Tage und 40 Nächte. Gut, vielleicht ist mein Verzicht auf neue Dinge nicht ganz mit seinem vergleichbar. Deshalb drehe ich ja auch nicht gleich einen Film, ein Blogartikel voller Filmzitate muss reichen, um die erste Zwischenbilanz in Sachen wenigerMehr zu ziehen.

Ich weiß: Die erste Regel des Fight Clubs ist, man spricht nicht über den Fight Club. Dass man ihn nicht zitieren darf, steht zum Glück nirgendwo geschrieben. Denn in den letzten Wochen der Konsumabstinenz hat es mich immer wieder in die Arme meines früheren Lieblingsfilms getrieben: Fight Club.  Brad Pitt und Edward Norton als – Spoiler – ein und dieselbe Person, bemüht den Kapitalismus zu unterwandern und an empfindlicher Stelle zu treffen. Was könnte mich besser motivieren?

Advertising has us chasing cars and clothes, working jobs we hate so we can buy shit we don’t need.

Mit 16, als ich den Film zum ersten Mal sah, lag mein Fokus zugegebenermaßen hauptsächlich auf Brad Pitts nacktem Oberkörper und den vielen Schlägereien. Dieser Satz erschien mir trotzdem schon damals unheimlich poetisch und schön. In den letzten Wochen habe ich am eigenen Leib erfahren, wie wenig schön die Realität ist, die er beschreibt. Nur, weil ich beschlossen habe, nichts mehr zu kaufen, heißt das nicht, dass der Rest der Welt das auch akzeptiert. Ich werde weiterhin in meinen E-Mail Postfächern, auf meinen Social Media Seiten, auf der Straße, im Bus und überall mit Werbung vollgeballert. Überall werden mir Dinge gezeigt, die ich brauchen soll. Und nur, weil ich das reflektieren kann, ist der Drang zu kaufen deshalb noch lange nicht besiegt.

Kaufen, die Sucht des 21. Jahrhunderts

Es ist ein bisschen, als würde man mit dem Rauchen aufhören: Dauernd ergeben sich Situationen, in denen man auf die Probe gestellt wird. Mitbewohner bekommen Pakete geliefert, man sieht neidvoll beim Auspacken zu. Kommilitoninnen besiegen den Masterarbeitsfrust scheinbar mühelos mit einer Shoppingtour, während man selbst nur emotional essen kann. Und überall, wirklich überall, sieht man Dinge, die man kaufen möchte.

Aber gerade in diesen Momenten, wo ich etwas unheimlich gern kaufen möchte (vielleicht ist es sogar noch im Angebot oder – Gott bewahre – im Schlussverkauf), kommt mir Tyler Durden zur Hilfe:

The things you own end up owning you.

So selbstverständlich es auch scheint, hilft es, mir immer wieder vor Augen zu führen, dass ich die Dinge, die ich kaufe, auch besitzen muss. Wenn ich dieses Ding kaufe, braucht es einen Platz in meinem Zimmer, meinem Leben. Das bedeutet: weniger Platz für mich. Das bedeutet auch: Ich muss mich darum kümmern. Ich muss es pflegen, verwahren und eigentlich auch benutzen. Wenn ich das nicht tue, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Geld verschwendet habe. Das hätte ich dann besser verwendet, um einen anderen Gegenstand zu kaufen, dem das gleiche Schicksal geblüht hätte. Vielleicht tue ich das dann aus Frust auch. Ein Teufelskreis.

Besitzen, der Fluch des 21. Jahrhunderts

Um ihm zu entkommen, habe ich angefangen, nicht nur nichts Neues zu kaufen, sondern auch Dinge auszusortieren. Zum Teil verkaufe ich sie weiter, größtenteils verschenke ich sie einfach. Wenn sie zu jemandem gelangen, der sich an ihnen freuen kann, bin ich froh. Denn mir waren sie eine Last. Ich bin Lauras frisch erwachter Sinn für Minimalismus. Nicht die Art von Minimalismus, die mit schönen Hashtags auf Instagram inszeniert wird. Denn, seien wir mal ehrlich, dafür müsste man ganz schön viele neue Dinge kaufen. Eher eine Art Denken, die es mir hoffentlich ermöglicht, mich nicht so krass über Besitz zu definieren und Dinge loszulassen, statt sie den Rest meines Lebens mit mir herum zu tragen.

Und eine Erkenntnis habe ich daraus auf jeden Fall schon gewonnen: Statt Frustshoppen kann man auch Frustausmisten. Das funktioniert genau so gut. Und: Man lernt die Dinge, die man hat, unter Umständen ganz neu kennen und schätzen, wenn man sich erst einmal in die zweite Reihe des Kleiderschranks gewühlt hat. Weniger ist eben tatsächlich Mehr.

In diesem Sinne:

Quit your job. Start a fight. Prove you’re alive.

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