WenigerMehr: Warum überhaupt?

Die meisten guten Vorsätze sind selbsterklärend. In unserer Gesellschaft hinterfragt für gewöhnlich niemand, warum jemand abnehmen möchte und ob das überhaupt sinnvoll ist. Auch gesündere Ernährung und Sport sind selbstverständlich erstrebenswert. Aber nichts Neues kaufen? Was soll mir das bringen?

Vorrangig soll die ganze Angelegenheit natürlich nicht mir etwas bringen, sondern der Welt überhaupt und insgesamt. Nicht gerade ein bescheidener Vorsatz, aber wir stehen ja auch vor nicht gerade kleinen Problemen. Unser Konsum übersteigt die Ressourcen der Erde. Laut dem Ecological Footprint Projekt benötigten wir 1,6 Erden, um unseren Konsum nachhaltig zu machen. Jeder Deutsche produziert etwa 560 Kilogramm Abfall pro Jahr – und das ist nur der Abfall, der auch wirklich in Containern landet und nicht in Seen, Wäldern oder auf den Straßen. Deutschland gehört damit zu den Ländern, die den Ecological Footprint insgesamt sogar verschlechtern. Mehr als drei Erden bräuchten wir Menschen, wenn alle so leben würden wie wir in Deutschland. Wer glaubt, dass er oder sie nicht Teil des Problems ist, kann das mit dem Online-Rechner nachprüfen lassen.

Ich war einigermaßen schockiert über mein Ergebnis. Ich fahre fast ausschließlich Fahrrad, kaufe auf dem Markt ein, esse kaum Fleisch und trotzdem:

Ab dem 11. Juni eines jeden Jahres lebe ich auf Kosten der Substanz unseres Planeten, verwende Ressourcen, die nicht regenerierbar sind. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich mag diese Erde nämlich eigentlich und würde gerne noch länger auf ihr leben, Kinder bekommen, die wieder Kinder bekommen…

Wie kann ich also ressourcenschonender leben? Wie kann ich Abfall reduzieren und besser konsumieren?

Damit diese Kinder aber noch einen Planeten haben, auf dem sie leben können, muss ich mein Verhalten ändern. Ich habe lange überlegt, wo ich anfangen könnte und dabei festgestellt, dass es keinen einfachen Weg gibt. Es tut weh, alte Gewohnheiten und Bequemlichkeiten aufzugeben. Aber es ist notwendig. Nicht nur, weil ich über die Kapazitäten des Planeten lebe, sondern auch auf Kosten anderer Menschen. Nicht irgendwelcher fiktiver zukünftiger Enkel, sondern echter Menschen aus Fleisch und Blut. Für die Dinge, die ich konsumiere, arbeiten Menschen überall auf der Welt und nur selten unter guten Bedingungen, wie der Slavery Footprint schonungslos offenlegt.

27 Menschen arbeiten unter menschenunwürdigen Bedingungen, werden schlecht bezahlt und leiden, damit ich mir all das kaufen kann, was ich vermeintlich brauche. Sie arbeiten für meine Jeans im Sale, für meine günstigen Avocados und das Öl, das meine Heizung betreibt. Ein durchschnittlicher Supermarkt führt etwa 40.000 Produkte. Wie viele davon brauche ich und wie viele davon sind unter guten Bedingungen entstanden? Dieser Frage geht auch der Film Food Inc. nach und so viel sei verraten: Die Antwort ist unangenehm, genau wie die Bilder, die man aus der Fleischproduktion zu sehen bekommt.

Die Auseinandersetzung mit meinem Konsumverhalten hat schrittweise die Erkenntnis in mir reifen lassen, dass es nicht reicht, sich zu informieren und zu lamentieren. Ich muss etwas tun. Für mich, meine eventuellen Kinder und Kindes-Kinder, aber vor allem für die Welt überhaupt.

Und dieser zugegebenermaßen vagen Erkenntnis folgte eine weitere. Sie erscheint zunächst banal, erschüttert aber eigentlich die Grundfesten des Kapitalismus (und damit irgendwie auch des ganzen Problems überhaupt):

Ich brauche nichts. Und vor allem nichts, was es nicht schon gibt.

Ich besitze so viele Dinge, dass es mir schon heute vor dem Umzug in drei Monaten graut. Meine Familie besitzt noch mehr Dinge und auf der Welt überhaupt existieren schon mehr als genug Dinge.

Deshalb ab jetzt:

Überhaupt weniger kaufen.

Ich möchte mir in diesem Jahr vor jedem Kauf genau überlegen, ob ich dieses Ding wirklich brauche. Ist es wirklich nötig, zu meiner übergroßen Sammlung Dinge, noch ein Ding hinzuzufügen? Und wenn ja, ist kaufen wirklich die einzige Option? Schließlich kann man Dinge auch leihen, mieten oder einfach selbst machen.

Reparieren statt ersetzen.

Wie oft habe ich neue Schuhe gekauft, weil die alten abgelatscht waren. Nicht mal wirklich kaputt, einfach nur abgelatscht. Oder, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, auch einfach nur saudreckig. Dasselbe gilt für Jacken mit kleinen Löchern, fehlenden Knöpfen oder Flecken, die nicht beim ersten Waschen wieder rausgehen. In diesem Jahr möchte ich versuchen, meine Dinge mehr wertzuschätzen und sie zu pflegen. Und wenn Pflege eben nicht ausreicht, auch mal zu reparieren. Knöpfe annähen kriege ich schon hin. Vielleicht entsteht dabei irgendwann sogar mein nächstes Statement Piece – wer weiß.

SecondHand kaufen.

Kleidung und Schuhe aus zweiter Hand zu kaufen heißt nicht unbedingt das Rad neu erfinden. Deshalb habe ich mir für 2018 vorgenommen, den SecondHand-Gedanken zu erweitern, denn: Im Prinzip kann man alles gebraucht kaufen. Ich werde versuchen, in diesem Jahr gar nichts neu zu kaufen. Sicherlich kann ich dabei an meine Grenzen stoßen, und in jedem Fall wird es manchmal länger dauern, das richtige Ding zu finden, aber das gibt mir immerhin genügend Zeit mir die Frage aller Fragen zu stellen: Brauche ich das wirklich?

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