Eine Kritik der Konmari-Methode

Das hier soll kein Plädoyer für Unordnung sein. Ich liebe aufgeräumte Zimmer. Es gibt nur eines, was ich noch mehr liebe: das Aufräumen selbst. Die Konmari-Methode praktiziere ich bereits seit ich etwa sechs Jahre alt bin – eine Marie Kondo Jüngerin avant la lettre. Meine liebste Nachmittagsbeschäftigung als Kind war es, meinen kompletten Kleiderschrankinhalt auf den Boden zu kippen, mir ein neues Ordnungssystem auszudenken und dann alles wieder einzuräumen. Trotzdem bin ich von Aufräumen mit Marie Kondo, dem ersten Netflix-Hit des noch jungen Jahres, enttäuscht. Vieles an der Sendung hat mich sogar wütend gemacht. Wütend genug für einen ganzen Artikel. 

Eine kurze Zusammenfassung für alle, die trotz großem Medienhype Marie Kondo und ihrer pastellfarbenen blumigen Aura noch nicht begegnet sind: Sie ist eine japanische Ordnungsberaterin, die mit Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen ihr Leben verändert einen Bestseller geschrieben hat. Netflix ahnte, das mit Ordnungsratgebern im Zeitalter von nachhaltigem und minimalistischem Konsum Geld zu machen ist und produzierte eine Serie mit der Japanerin in der Hauptrolle. Die Idee: Menschen, die Hilfe beim Aufräumen brauchen, werden von Marie Kondo besucht und in ihre Konmari-Methode eingeführt. In klassischer Reality-TV Manier wird ein tristes, graues Vorher mit einem glitzernden, farbgesättigtem Nachher kontrastiert und so gezeigt: Richtiges Aufräumen ist wirklich total magic.

Die mentale Last des Haushalts

Was die Sendung leider auch zeigt: Aufräumen ist immer noch Frauensache. Die Familien, die Marie Kondo besucht, leiden in der Hauptsache nicht an mangelndem Ordnungssinn, sondern an patriarchaler Rollenaufteilung. Die Frau trägt die Haupt- und teilweise sogar Alleinlast des Haushalts, der Mann sucht Wege, wie er ein bisschen mehr helfen kann. Vielleicht. Und diese Strukturen werden von Marie Kondo nicht hinterfragt, sondern eher glorifiziert. 

Bei Familie Nummer eins sieht das dann so aus: Der Mann arbeitet viel, die Frau Teilzeit. Sie haben zwei Kinder. Die Betreuung der Kinder liegt natürlich bei ihr – schließlich arbeitet sie weniger. Die Haushaltsaufgaben liegen auch bei ihr. Und der Mann ist angespannt und wütend, wenn die Küche abends voller dreckigem Geschirr steht. Die Frau versinkt in Selbstzweifeln und macht sich dafür nieder, dass sie eine Haushaltshilfe für das Falten der Wäsche engagiert hat. Marie Kondo lächelt die Bestandsaufnahme nieder und bringt der Frau die Freude am Wäschefalten bei – kein Witz. 

aufgeräumte, geputzte Einbauküche in weiß mit Holzoptik

Stattdessen genderbasierte Arbeitsteilung: Sie räumt die Küche auf, er die Garage. Und alle sind glücklich. 

Die wichtigen Fragen werden nicht gestellt: Warum muss die Frau denn alles machen: Kinder, Haushalt und Nebenjob? Warum muss Wäschefalten Spaß machen? Warum muss die Küche für den Mann aussehen wie im Katalog? 

Auch bei Familie zwei ist die Frau natürlich eine des Hauses: Sie arbeitet zwar als Friseurin, ist aber trotzdem für den Haushalt zuständig. Ihr Mann ist Musiker und charmant. Das reicht. Er und die Kinder sind planlos – Mutti regelt. Sie weiß, wo alles ist und wenn es nicht ist, wo es sein sollte, sucht sie es. Sie organisiert die Mahlzeiten, das Putzen, das Familienleben – alles. Man fragt sich, wann die junge Frau zum letzten Mal einen Moment für sich hatte. 

Auch dieses totale Desaster klassischer Rollenbilder lächelt Marie Kondo freundlich an und lässt es stehen. Klar, alle Familienmitglieder sollen ihre jeweils eigenen Besitztümer sortieren und aufräumen. Das Ziel: Jeder weiß, wo seine Sachen sind und muss die Mutter der Familie nicht mehr belästigen. Nur leider können die Kinder und der Mann nicht gut aufräumen, sie haben es ja noch nie gemacht. Und Marie Kondo hat keine Zeit, die Familie den ganzen Prozess hindurch zu begleiten. Wer springt also ein? Richtig: die Mutter.

Hundert Säcke Müll sind ein Erfolg

Selbst wenn Marie Kondo beim Aufräumen eine feministische Grundausbildung für alle Familienmitglieder verpflichtend machen würde, bliebe noch ein Problem: der Müll. Der Kern der Konmari-Methode ist nämlich die Frage: Does this spark joy? Macht dir dieses Ding Freude? Wenn nicht: weg damit. 

überfüllte schwarze Mülltonne vor Hauswand aus Backsteinen

Wo das Ding landet, erfährt man auf Netflix nicht. Man sieht zwar Unmengen von gefüllten Müllsäcken und hört, dass ein Teil davon gespendet werden soll, aber mehr nicht. Wie wird dieser Müll getrennt? Zum Sperrmüll gekarrt? Wird er recycelt? Weiterverkauft? 

Die wichtige Botschaft, die Marie Kondo nicht mitteilt: Unsere Verantwortung für unseren Besitz endet nicht in dem Moment, in dem wir uns dazu entscheiden, das Ding loszuwerden. Sie endet erst dann, wenn das Ding ordnungsgemäß entsorgt wurde oder eine*n neue*n Besitzer*in gefunden hat. 

Laut einer Statista Umfrage aus dem Jahr 2017 produziert jede*r Deutsche im Schnitt über 450 kg Hausmüll pro Jahr. Dazu kommen 29 kg Sperrmüll. Eine andere Umfrage aus dem Jahr 2016 ergab, dass nur 41 % der Deutschen ihren Sperrmüll ordnungsgemäß entsorgen. Auf die 29 kg korrekt entsorgten Sperrmüll kommen also vermutlich mehr als 40 kg nicht korrekt entsorgter Sperrmüll. Klingt krass? Ist es auch. Aber wenn man in Berlin durch die Straßen läuft, erscheint es mehr als plausibel. Und wer noch zweifelt, kann seinen eigenen ökologischen Fußabdruck berechnen lassen. Ich verspreche: Es wird unangenehm.

Die Konmari-Methode glorifiziert das Entsorgen.

Eigentlich bietet die Konmari-Methode alles, was es braucht, um das Müllproblem zu lösen: Man sollte sich nicht nur bei dem, was man besitzt fragen, ob es einem Freude macht. Man sollte sich diese Frage schon viel früher stellen – vor der Anschaffung von etwas Neuem. Diese reichlich abstrakte Frage könnte man aufdröseln und so erfolgversprechender machen. Vor jedem Kauf könnte man sich fragen:  

  • Wie oft werde ich dieses Ding benutzen?
  • Besitze ich bereits etwas, das diese Funktion erfüllen kann?
  • Kann ich es mir leihen? Es gebraucht kaufen?
  • Möchte ich Verantwortung für dieses Ding übernehmen? Es warten und reparieren und schließlich irgendwann korrekt entsorgen?

In ihrer Sendung hätte Marie Kondo diese wirklich nachhaltige Methode zur Ordnungshaltung erwähnen müssen. Eine Frage, die ihr alle Familien immer wieder stellen ist: Wie schaffen wir es, die einmal etablierte Ordnung beizubehalten? Marie Kondo lächelt und bleibt eine Antwort schuldig.

Die Antwort wäre so einfach wie revolutionär:

Kauft nicht so viel Scheiß, zertrümmert stattdessen lieber das Patriarchat.

 

 

2 Antworten auf „Eine Kritik der Konmari-Methode“

  1. Großartig geschrieben. Ich habe mal in eine Folge reingeschaut und es ging mir direkt auf die Nerven. Ihre Einstellung kann ich mir nur mit ihrem kulturellen Background erklären, wahrscheinlich ist das von mir aber auch zu kurz gedacht und Schubladendenken. Dein Artikel hat mir die Sendung jetzt noch unsympathischer gemacht! XD

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