Fernbus-Freitag

1328 Tage Fernbeziehung. Das sind mindestens ebenso viele im Bus, im Zug oder in der Mitfahrgelegenheit verbrachte Stunden (Tatsächlich sogar auch ein Transatlantik-Flug, den musste aber nicht ich machen). Neben meinem Experten-Status bei Blablacar habe ich mir so auch einen Experten-Status in Sachen Fernbus-Fahren erarbeitet.

Ich weiß zum Beispiel, dass es sinnvoll ist, sich nicht auf die Sitze in unmittelbarer Nähe der Toilette zu setzen. Ich weiß auch, wie man sich am besten unerwünschte Nebensitzer vom Hals hält. So zu tun, als ob man schläft, ist zwar ein guter Anfang und mit dicken Kopfhörern schon fast eine todsichere Nummer, noch besser wirkt aber ein ungeduschtes Aussehen (ich habe nicht gesagt, dass ihr wirklich nicht duschen sollt) und eine verdächtig geruchsintensiv aussehende Vesperdose (wieder: ich habe nicht gesagt, dass sie wirklich Harzer Roller enthalten soll).

Ob mit Nebensitzer oder ohne, die Stunden der Fahrt muss man sich irgendwie vertreiben. Und wenn man regelmäßig Bus fährt, ist schlafen zwar immer eine Option, aber selten die beste. Der Fernbus-Freitag wird so zum fix und fertig Freitag und in einer optimierungsversessenen Gesellschaft wie der unseren, muss man als Mittzwanziger mit Karrierewunsch einfach jede Minute sinnvoll nutzen.

So habe ich in den letzten 1328 Tagen versucht, mich handwerklich im Bus zu betätigen (stricken, sticken, nähen, häkeln – völlig egal). Der Platzmangel und das Geruckele machen einem die Anfänge aber mehr als schwer. Die altbewährte Beschäftigung Lesen ist aus demselben Grund nicht praktikabel. Das zu durchquerende Höllental wird so zur tatsächlichen Hölle.

Lange Vorrede, jetzt kommt die Klimax: Podcasts.

Natürlich sind Podcasts gerade der Medientrend schlechthin. Jeder hat einen Podcast (oder mehrere). Podcasts sind die neuen Blogs, die neuen Vlogs und überhaupt. Trotzdem nehme ich mir das Recht heraus, euch ein paar wirklich gute zu empfehlen. Die Jedermann-Podcasts finde ich persönlich sehr anstrengend, da bin ich Traditionalist. Ich mag Struktur, organisierte Annäherung an ein Thema, journalistische Arbeit. Beim Wohnzimmergespräch zweier Influencer zuzuhören, wäre jedenfalls mein persönliches, unendlich langes Höllental. Sartres bestimmt auch. Deshalb höre ich (und Sartre würde es mir nachtun, wenn er könnte):

1. Eine Stunde History (Deutschlandfunk Nova)

Eine Stunde History dauert, anders als der Titel vermuten lässt, kaum länger als eine halbe Stunde. So lange ist auch meine Aufmerksamkeitsspanne als Digital Native, ein perfect match quasi. In dieser halben Stunde wird man von Meike Rosenplänter oder Markus Dichmann umfassend zu einem historischen Ereignis informiert, dass sich gerade in irgendeiner Form jährt. Historisch ist dabei alles, von Issos Keilerei (333 ihr wisst schon, wenn nicht: hört euch den Podcast an) bis Boko Haram, um nur mal die letzten zwei Folgen zu nennen. In dieser Hinsicht erinnert das Format an das knackige Kalenderblatt (Deutschlandfunk, immer nach den 9 Uhr Nachrichten), insgesamt hat es aber deutlich mehr zu bieten. Experten werden eingeladen, in kleinen hörspielartigen Sequenzen die Ereignisse nachgestellt und Bezüge zu anderen Epochen und vor allem zur Jetztzeit hergestellt. Trotz alldem ist eine Stunde History nicht voraussetzungsreich und holt jeden Hörer da ab, wo er sich mit seinem Geschichtswissen rumtreiben mag.

2. Was jetzt? (ZEIT ONLINE)

Für Was jetzt? braucht es sogar nur knappe zehn Minuten. In dieser Hinsicht ist der Nachrichten-Podcast von ZEIT ONLINE unschlagbar. Er bereitet deshalb auch nur die allerwichtigsten Themen des Tages auf. Dies leistet er dafür sehr ansprechend. Originaltöne werden unterlegt, Journalist*innen lassen an ihrer Expertise teilhaben.  Was jetzt? ist kein typisch normativer Fakten-Talk, sondern eher eine Diskussionsanregung, die viele Fragen offen lässt. Deshalb ist der Podcast die die optimale Vorbereitung auf den Büro-Smalltalk und lässt einen smarter wirken, als man es vielleicht ist (solange das Gegenüber nicht auch Was jetzt? hört).

3. Buchkritik (Deutschlandfunk Kultur)

Der Quickie unter den Podcasts kann immer und überall gehört werden. Er hilft einem ebenfalls in Sachen Smalltalk  weiter, falls das politische Tagesgeschehen einmal nicht genügend Unterhaltungsstoff bieten sollte und Donald Trumps Twitter-Account mal wieder für elf Minuten vom Netz genommen wurde. Mit der Buchkritik findet man auf jeden Fall trotzdem einen Grund zum Klugscheißen. Die Buchkritik des Deutschlandfunks ist also der Grund, warum wir alle brav unsere GEZ zahlen sollten. Sie ist intelligent, ohne abgehoben zu sein und vor allem ist sie tatsächlich eine Kritik. Die Rezension kann vernichtend ausfallen (sehr unterhaltsam), meist ist sie aber vor allem eine konstruktive Auseinandersetzung. Die Bandbreite der Bücher reicht von Memoiren über Thriller bis Kulturtheorie – gerade in der Vorweihnachtszeit kann der Podcast also auch alltagspraktische Ratschläge in Sachen Geschenke liefern.

4. Essay und Diskurs (Deutschlandfunk)

So wunderbar prätentiös wie der Titel klingt fühlt man sich nach einer Folge Essay und Diskurs. Man wandelt auf kulturtheoretischen Lustpfaden und hinterfragt die symbolischen Sinnwelten, die unsere alltäglichen Gestaltungsräume organisieren. Kulturgeschichtliche Zusammenhänge eröffnen postkoloniale Denkstrategien und einfach alles wird dekonstruiert. Zugegeben, Essay und Diskurs ist ein bisschen abgehoben und sicher kein Podcast zum Entspannen (höchstens vielleicht zum Einschlafen), aber Essay und Diskurs ist ein Podcast zum Nachdenken. Und wo lässt es sich besser nachdenken als im Fernbus, wo man so schön aus dem schmierigen Fenster lange in den Abgrund des Schwarzwaldes blicken kann und der Schwarzwald blickt zurück?

5. Deutschrap 25 (Red Bull Music)

Natürlich kann ich diese Liste nicht ohne einen Deutschrap-Podcast abschließen. Zunächst einmal: Ja, es gibt mehrere Deutschrap-Podcasts. Sie haben alle ihre Qualitäten und auch ihre Fehler. Der größte Fehler von Deutschrap 25 ist, nach seiner von vorneherein begrenzten Folgenanzahl, das Sponsoring. Red Bull hat anlässlich des diesjährigen Soundclashs zwei Deutschrap-Experten ins Studio geholt und lässt sie die Geschichte des Deutschrap anhand einzelner Songs Revue passieren. Von Red Bull mag man halten, was man eben davon halten mag (Gummibärchenpipi), die Experten sind aber hochkarätig: Da ist zum einen die Ikone unter den Rap-Moderatorinnen, Visa Vie, und zum anderen der Rap-Journalist Jan Wehn. In je zwanzig Minuten handeln sie einen prägenden Deutschrap-Song jeden Jahres ab 1992 ab. Die Songs selbst gibt es im Podcast zwar nicht zu hören, aber dafür gibt es eine extra Playlist – was für ein Service. Deutschrap 25 ist so ein Fest für alle traditionsversessenen Rapheads, aber auch ein guter Überblick für einen Neuling (auch „Kek“ genannt).

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