Lucky: Der alte Mann und der Tod

Der Marlboro-Mann ist ganz gut gealtert. Und das obwohl Rauchen bekannterweise so ziemlich alles schädigt, was es zu schädigen gibt. Dem Tod entkommen kann er aber letzten Endes nicht. Sich damit abzufinden, fällt Lucky (ja, das ist sein Name) irgendwie schwer. Auch für den Zuschauer ist das alles nicht immer einfach, wenn auch nie wirklich schwer.

Lucky ist 91 und wird gespielt vom gleichaltrigen Harry Dean Stanton. So weit, so authentisch. Sein Alltag sieht aus, wie der Alltag eines Spätrentners wohl so aussieht. Ein paar Turnübungen am Morgen, ein Nuttenfrühstück (Kaffee und Kippe), ein Spaziergang zum Diner, ein paar Kreuzworträtsel und Quizsendungen, einige Bloody Marys in der Bar und gute Nacht. Dass diese wenigen Beschäftigungen einen ganzen Tag ausfüllen können, merkt man erst, als er schon vorbei ist. So langsam und behutsam wird man durch Luckys leere Tage geführt, dass man Angst hat, bei der ersten Unregelmäßigkeit könnte der knochige Mann tot umfallen.

Realism is a thing.

Tut er aber nicht. Wie sich herausstellt, ist Lucky ein sogenannter tough son of a bitch. Nicht, weil er irgendwen verprügelt (auch wenn er das will) oder mit jungen Frauen schläft (auch wenn er das gerne würde), sondern einfach, weil er sich dieser Möglichkeit des Todes stellt. Breitbeinig, die Hand am nicht vorhandenen Colt ruft er ein munteres „Fotze!“ in Richtung Paradies. Im Angesicht des Todes (einer wasserspeienden Putte) findet Lucky seinen Atheismus gefestigt und seine Hand ruhig genug, um noch eine Zigarette zu rauchen. Denn: Realism is a thing. Und deshalb gibt es nichts zu fürchten.

Ungatz.

Für den Zuschauer kann das ein Erlebnis sein – aufregend, mitreißend, todtraurig (buchstäblich) und himmelhoch jauchzend. Sogar Komik kann der Film, vor allem mit seinem doppelten Lottchen (Regisseur John Carroll Lynch und (nicht verwandt) – the man himself – David Lynch auf der Suche nach seiner Schildkröte Roosevelt). Es kann aber auch sterbenslangweilig sein. Wenn man sich nämlich an der Handlung des Films aufhängt, die keine ist. Die beste Vorbereitung auf Lucky ist deshalb: Mache dich darauf gefasst, dass nichts passiert. Höre genau hin, und der Film wird dich trotzdem aus der Fassung bringen. Die Dialoge sind herausragend in ihrer Ungezwungenheit und in der Ehrlichkeit, mit dem sie das Unsagbare zur Sprache bringen – das Nichts, das Ungatz, das der Tod für uns alle bedeutet.

It’s all going to go away. You, you, you, you, me, this cigarette, everything… into blackness, the void. And nobody’s in charge, and you’re left with… ungatz.

Und wenn all die subtilen Metaphern und abgründig belanglosen Dialoge dich nicht rühren, dann vielleicht das: Lucky war Harry Dean Stantons letzter Film. Der Schauspieler starb im September letzten Jahres. Mit 91 und wahrscheinlich einer Zigarette in der Hand.

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