Mexico City. Oder: Im Land der Kakteen gibt es keine Kakteen

Während ich hier im tristen, grauen Deutschland am Schreibtisch über meiner Masterarbeit brüte, komme ich nicht umhin, mich manchmal weit, weit weg zu träumen. Zum Beispiel ins letzte Jahr. Im Januar 2017 – wenige Wochen nach der Wahl Trumps, mitten in der ersten Welle des Protests – konnte ich nach Mexico City reisen. Ich habe mich von der Stadt so überwältigen lassen, dass es mir immer noch schwer fällt, darüber zu schreiben. Ich will es trotzdem versuchen.

Vor meiner Ankunft wusste ich so gut wie nichts über Mexico City oder auch nur Mexiko. Klar, Trump wollte auch damals, kaum ein paar Tage gewählt, schon eine Mauer bauen. Tequila war mir ein Begriff und mit durchaus schmerzlichen (Nicht-)Erinnerungen verbunden und auch Tacos hatte ich schon mal gegessen. Aber ansonsten war Mexiko einer der berühmten weißen Flecken auf meiner mentalen Landkarte. Irgendwie hat sich das auch nach der Reise nicht geändert.

Gentrifizierung und Hype

Die erste überraschende Entdeckung war für mich ein Quinoa-Salat mit Süßkartoffeln auf der Speisekarte des Programm-Kinos. Der Eurozentriker in mir hatte sich das alles irgendwie rustikaler, uriger vorgestellt. Schnell realisierte ich allerdings, dass Mexico City nichts mit meinen kolonial-romantischen Vorstellungen von Maisfladen, Kopftüchern und Eseln zu tun hatte. Genau genommen gibt es im Land der Kakteen nicht mal Kakteen. Jedenfalls nicht in der Hauptstadt.

Stattdessen gibt es in Mexico City – oder CDMex wie die coolen Kids dort sagen – Slow Brew Coffee aus japanischer Keramik, Fusion Food à la Sushi-Burritos und Frida Kahlo-Graffiti. Der einzige Vorteil (aus eurozentrischer Perspektive): Das ganze ist äußerst erschwinglich und hat noch genug exotischen Charme, um einen in den Bann zu ziehen. Das klingt jetzt negativer, als es gemeint ist. Die Stadt hat mich tatsächlich innerhalb kürzester Zeit in ihren Bann gezogen.

Man weiß nie, was einem als nächstes begegnet. Eine Straße voller Upcycling-Boutiquen kann in einen Platz münden, auf dem gerade ein Rap-Battle stattfindet. Während man den Vierzehnjährigen dabei zuhört, wie sie ihre Mütter beleidigen, bietet einem ein kleines Mädchen eine Zigarette an. Sie verkauft sie für 3 Cent das Stück einzeln. Dann setzt man sich in eine Pulquería, wo man nicht nur der einzige Tourist ist, sondern auch noch die einzige Frau, und trinkt einen Pulque (ein alkoholhaltiges Getränk aus fermentiertem Agavensaft, das mit verschiedenen Fruchtsäften gemischt wird, um den Geschmack einigermaßen erträglich zu machen). Was auch immer man in Mexico City sucht, man findet es und verliert es sogleich wieder im Gedränge.

Nur Schlaf findet man auf keinen Fall. Denn vor den Fenstern lässt die Kakophonie der Stadt nie nach. Schrotthändler fahren ununterbrochen um die Häuserblocks und rufen über Megaphone ihre Ware aus. Auch die Müllabfuhr kündigt sich so an, ebenso wie der Uber-Fahrer und der Schulbus. Alle hören Musik, machen Musik und das wiederum macht die Hunde ganz verrückt. Sie bellen in einer Tour, weswegen die Straßenverkäufer wiederum lauter brüllen.

Eine politische Stadt

Unter der oberflächlichen Hipster-Aura ist Mexico City eine zutiefst historische und politische Stadt.  Der zentrale Platz beispielsweise wird von einer Kathedrale dominiert, die die Spanier nach ihrer Machtergreifung erbaut haben und zwar auf dem alten aztekischen Tempel. Eine Art Wiedergutmachung soll dessen Wiederausgrabung darstellen. Direkt neben der Kathedrale klafft eine offene Wunde im Boden, die Teile des alten Tempels freilegt. Ein Museum kontextualisiert dieses seltsame Nebeneinander so gut es geht. Umgeben ist der Platz von Wohnhäusern und Geschäften, als wäre nichts gewesen und würde immer sein.

Ein paar hundert Meter weiter demonstrieren auf dem Zócalo Minenarbeiter vor dem Nationalpalast für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und gegen Trump. Überhaupt scheint das Land im Januar 2017 in Demonstrationslaune. Einmal werden wir durch einen Demonstrationszug vom Rückweg nach Hause abgeschnitten. Mütter und Angehörige der seit mehreren Jahren verschwundenen 43 Studenten protestieren dagegen, dass die Regierung den Fall zu den Akten legen will. Ein Untersuchungsausschuss will das Verbrechen aufgeklärt haben. Keiner der Studenten ist gefunden worden, es herrschen massive Zweifel an dem Regierungsbericht. Zwei Stunden sitzen wir in einem extrem sterilen Café in einer Shopping-Mall fest und fühlen uns fehl am Platz. Als wir danach endlich nach Roma Sur zurückfahren können, ist von der Demonstration nichts mehr übrig. Nur die Stadt erinnert einen gelegentlich daran, dass der Widerstand nicht ertrunken, sondern untergetaucht ist.

Und natürlich: Eine Stadt der Kontraste

Wenn es nicht so ein lähmender Allgemeinplatz wäre, würde ich es am liebsten bei dieser Aussage bewenden lassen. So aber bin ich es der Stadt wohl schuldig, ihn zumindest ein bisschen mit Leben zu füllen. Mexico City gehört zu den museumsreichsten Städten der Welt und seine Museen zu den inhaltsreichsten. Da wäre zum einen das Museo de Antropolgía mit seinen unglaublichen Azteken-Artefakten, die so fremd und doch so seltsam selbstverständlich scheinen. Genau wie beim Museo Soumaya ist aber auch allein die Architektur schon eine Besichtigung wert. Perfekt harmonieren hier uralte Kunswerke mit (post-)modernsten Gebäuden und ermöglichen so neue Perspektiven.

Neben den aztekischen Kulturschätzen sind es vor allem die Werke und Häuser von Frida Kahlo und Diego Rivera, die Mexico Citys Musemslandschaft einzigartig machen. Das Künstler-Paar, das als Begründer des „es ist kompliziert“-Facebookstatus gesehen werden kann (avant la lettre, selbstverständlich),  hat mehrere Häuser in der Stadt bauen lassen, bewohnt und belebt. Heute sind sie der Öffentlichkeit zugänglich. Es sind Labyrinthe aus kulturellen Verweisen, Bricolagen verschiedener Kulturen und Lebensalter und natürlich sind sie Kunst.

Von der ganzen schweren Kost – der kulturellen sowie der mexikanischen Küche (extrem fettlastig und: Habe ich Mais schon erwähnt?) – kann man sich in einer der vielen grünen Oasen in der Stadt erholen. Es gibt unheimlich viele Parks. Gut ausgestattet – mit W-Lan und Spielplatz – und deshalb auch gut besucht. Man kann halbstarken Buben mein Fußball spielen zusehen und Frauen beim Lesen. Gendergerechte Erziehung wird hier noch groß geschrieben. Der größte Park der Stadt ist der Bosque de Chapultepec, der zurecht Wald und nicht Park heißt. Er umschließt das Museo de Antropología und ist gerade im Sommer ein ideal schattiger Rückzugsort, der sogar eine Abkühlung in Form eines romantischen Sees bietet. Und das alles mitten in einer Millionenmetropole.

Im Park kann man auf einer Art Rummel alles kaufen, was man sich so vorstellt. Zuckerwatte, frittierte Heuschrecken, Chilli-Käse-Nachos, Superhelden-Luftballons und Leinen für Kinder. Kein Scherz. Wenn man die Kinder anleint, kann man die Nachos auch besser in Ruhe essen. Das einzige, was es im Bosque de Chapultepec und in Mexico City insgesamt nicht zu geben scheint, sind Kakteen.

 

 

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