Mystery, Crime and Drama: Meine liebsten Serien

Angeblich verbringt ein Mensch in etwa ein Drittel seiner Lebenszeit schlafend. Studien über den Netflix-Konsum stehen noch aus. Ich gehe aber davon aus, dass sie ähniche Ergebnisse produzieren werden. Für alle, die ständig auf der Suche nach der nächsten Serie sind, habe ich hier ein Best Of zusammengestellt. Vorsicht, es kommen scharfe Waffen und Zungen zum Einsatz.

1. Mad Men

Es fällt mir schwer, diese Serie auf einen Nenner zu bringen. Oberflächlich betrachtet ist es die Geschichte eines amerikanischen Traums, der in Wahrheit ein Alptraum ist. Don Draper ist ein erfolgreicher, unfassbar attraktiver, schlagfertiger und mysteriöser Mann, der sein Geld damit verdient, unfassbar humorvolle, pointierte Werbekampagnen zu entwerfen. Er ist natürlich wahnsinnig reich, aber vor allem eben wahnsinnig geheimnisvoll, ein bisschen Felix Krull meets The Great Gatsby und das im Superlativ. Eigentlich ist er die Hauptperson der Serie und wir begleiten ihn durch die Auf und Abs der unbeständigen amerikanischen Geschäftswelt, in der es keinen Arbeitsschutz und keine Kündigungsfrist gibt.

Zwei Frauen in altmodischer Kleidung an Cafétisch, eine Speisekarte lesend

Geschichtsstunde mal anders

Mad Men ist aber auch, ganz entgegen dem Titel, die Geschichte des Kampfes um Gleichberechtigung für Frauen und Afroamerikaner, die Geschichte der zunehmenden Technisierung unserer Konsumwelt und der Antikriegsbewegung in den USA. Für mich ist es vor allem diese enge Verflechtung mit der Geschichte, die die Serie über sieben Staffeln hinweg wahnsinnig reizvoll macht. Der Mord an JFK, die Diskussionen um den Korea- und den Vietnamkrieg, der Summer of Love, all das ist mehr als nur Backdrop für die Charaktere der Werbeagentur Sterling Cooper. Die Autoren der Serie haben es geschafft, Historie und sorgfältig nuancierte Charaktere so miteinander zu verschmelzen, das man sich regelrecht in der Zeit zurückversetzt fühlt. Die Kostüme, das Mobiliar, jedes noch so kleine Detail fügt sich perfekt in die Welt, die den Zuschauer schnell in ihren Bann zieht.

2. Twin Peaks

Die Mutter aller Serien. Oder vielleicht eher der Ödipus aller Serien, der seinen Vater tötet, mit seiner Mutter schläft und sich vor lauter Verzweiflung die Augen aussticht. David Lynchs Serie um den Tod von Laura Palmer hat die Fernsehlandschaft ein für alle Mal verändert. Alle Serien, die davor waren, gehören so sehr der Vergangenheit an, dass sie genau so gut in schwarz-weiß hätten gedreht sein können. Zwei Staffeln Twin Peaks genügten, um Massenpaniken auszulösen, wie es sie seid Orwells missglücktem (oder geglücktem?) Radioexperiment Krieg der Welten nicht mehr gegeben hatte. Die Legende besagt, dass die Hysterie des Publikums Lynch dazu zwang, den Fall um die tote Highschool-Schönheit früher als geplant aufzuklären.

Es gibt nichts, was es nicht gibt

Tatsache ist, dass er mit Twin Peaks eines der spannendsten, absurdesten und atmosphärischsten Who-Dunnits der Film- und Fernsehgeschichte geschrieben hat. Das titelgebende Kleinstädtchen Twin Peaks ist voller merkwürdiger Charaktere, deren Schattenseiten den Zuschauer in kürzester Zeit an die eigene innere Dunkelheit heranführt. Jeder hat etwas zu verbergen, keiner will etwas gesehen haben – der Topos des scheinbar perfekten suburbanen Amerikas wird in meisterhaften Shots und Dialogen vorgeführt. Und der Wald als mystischer Ort wiederbelebt. Es gibt nichts, was es nicht gibt: einarmige Zwerge, eingebildete Riesen und sprechende Holzklötze, Lolitas und Superfrauen, den besten Kirschkuchen der Welt und viel schwarzen Kaffee.

Kirschkuchen vorne rechts im Bild auf weißem Teller mit blauem Rand. Im Hintergrund Teile einer weißen Kaffeetasse mit braunem Aufdruck

Die unfassbar phantasievollen Charaktere vor der in bester Lynch-Manier verloren inszenierten Kulisse von Twin Peaks allein würden schon ausreichen, um die Serie sehenswert zu machen. Hinzu kommt aber außerdem ein wirklich spannender Plot. Twin Peaks ist der Stoff, aus dem Alpträume gewebt sind. Mehr als einmal stehen einem die Haare zu Berge und die meiste Zeit hat man das ungute Gefühl einer herannahenden Gänsehaut im Nacken. Dass die Serie dazu noch absurd humorvoll und selbstironisch ist, macht das heraufziehende Unheil nur schwerer zu ertragen. Wer Twin Peaks einmal betreten hat, wird David Lynch nie wieder los.

(PS: Auf keinen Fall die im letzten Jahr produzierte dritte Staffel ansehen. David Lynch hat leider endgültig seine sowieso nur sporadische Bodenhaftung verloren und schwingt sich in ikarussche Höhen auf, wo der Sauerstoffmangel ihm sichtlich zu schaffen macht.)

3. Narcos

Die Netflix-Erfolgsserie über die kolumbianischen Drogenkartelle ist nichts für schwache Nerven. Sie ist verbal und visuell äußerst explizit und deshalb nur bedingt als Abendessen- oder Einschlafserie geeignet. Wenn man hingegen sein Schimpfwortrepertoire im Spanischen erweitern möchte, ist man mit Narcos gut bedient. Eine der größten Stärken der Serie ist das authentische Verweben des Englischen und Spanischen in der Orginalversion. Da man als Zuschauer zwei US-amerikanische Agenten bei der Verfolgung Pablo Escobars begleitet, findet ein Großteil der Dialoge auf Englisch statt. Die Interaktionen unter den Kartellmitgliedern und mit den Informanten werden jedoch in (soweit ich das beurteilen kann) bestem Spanisch wiedergegeben. Das Gefühl von Authentizität verbindet sich so auch mit einer geheimnisvollen Aura. Denn auch wenn die Konversationen stets mit Untertiteln übersetzt werden, bleiben sie in ihrer Wirkung kryptisch.

Grenzen verschwimmen

Stark ist auch das Aufgebot an Statisten und Kulissen, die den Aufstieg und Niedergang Escobars in großartigen Bildern plastisch werden lassen. Ergänzt wird die Inszenierung von dokumentarischem Filmmaterial und einigen Originalfotos, die der Serie einen unheimlich direkten Bezug zur Realität geben, ohne dokumentarische Genauigkeit zu beanspruchen. Selbst die dritte Staffel, die ohne den hervorragenden Wagner Moura als Pablo Escobar auskommen muss, ist deshalb ein wunderbares Seherlebnis.

Noch dazu sind die Charaktere bis zum unwichtigsten Helfershelfer extrem durchdacht, vielschichtig und paradox. Den Machern der Serie ist es gelungen, die Grenze zwischen Gut und Böse nicht nur zu verwischen, sondern ihre Relativität aufzuzeigen. Wer in Narcos gut oder böse ist, hängt zu allererst von der Perspektive des Betrachters ab. Als Zuschauer bringt einen das in die unangenehme und zugleich reizvolle Position mit den Drogenbossen mitzufiebern, nur um einige Szenen später der Polizei einen Fahndungserfolg zu wünschen. Diese nuancierte Darstellung unterbindet eine Glorifizierung des Drogenhandels ebenso wie die der US-amerikanischen Intervention in Kolumbien. Für eine unterhaltsame, actionreiche Serie ist das schon eine ziemlich große politische und irgendwie auch dokumentarische Leistung. Fans von ‚echten‘ Dokumentationen sei an dieser Stelle El Patrón del Mal empfohlen, eine kolumbianische Serie, die gemeinhin als näher am historischen Geschehen gesehen wird.

4. Sherlock

Benedict Cumberbatchs eigenwillige Verkörperung des berühmtesten Detektivs und Pfeifenrauchers aller Zeiten ist zwar wirklich kein Geheimtipp, aber gerade deshalb möchte ich es an dieser Stelle nochmal betonen: Die Serie ist wirklich so gut wie alle behaupten. Vielleicht sogar noch besser. Nicht nur, dass Cumberbatch als Sherlock und Alt-Hobbit Martin Freeman als Dr. Watson ein wahres Dreamteam sind, mit Andrew Scott als Moriarty haben sie auch einen mehr als würdigen Gegenüber. Zu verdanken ist das den Autoren der Serie, Mark Gattis (der als Sherlocks Bruder auch eine denkwürdige schauspielerische Performance abliefert) und Steven Moffat. Ihnen ist es gelungen, die 130 Jahre alten Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle in die Jetztzeit zu transferieren, ohne dass sie ihren ursprünglichen Charme verlieren.

Londoner Skyline bei Sonnenuntergang mit Big Ben im Zentrum

Sherlock ist immer noch ein äußerst merkwürdiger Querdenker, manchmal ein regelrechter Unsympath, immer ein arroganter Klugscheißer. Und die Fälle, die er zu lösen beauftragt wird, passen zu ihm: Er bewegt sich in einer mysteriösen Welt voller Geister, Psychopathen und knallharten Spioninnen. Wenn man sich einmal in die Baker Street 221b begeben hat, ist man verloren. Unwiderstehlich ist der Sog mit dem einen jeder gelöste Fall nur zum nächsten Fall zieht. Man beginnt zu verstehen, warum auch Sherlock süchtig nach seiner eigenen Arbeit ist.

Forever sherlocked

Um den harten Aufprall (subtile Anspielung auf eine Schlüsselszene) etwas zu mildern sei jeder neugierige Erstzuschauer gewarnt: Die zum jetzigen Zeitpunkt letzte Staffel ist ein wahrer Wasserfall von Niveausturz (nicht so subtile Anspielung auf den wohl bekanntesten Fall Sherlock Holmes‘. Pun intended). Wenn ich könnte, würde ich sie aus meinem Gedächtnis löschen. Andererseits macht sie es möglich, sich ein wenig von der Serie zu lösen, sonst bliebe man wohl für immer sherlocked (genug der Anspielungen).

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