Penguinlesechallenge

Zwischen allen Neujahrsvorsätzen und vom Kater befeuerten Besserungsgelübden weiß man manchmal gar nicht, welche Challenge (altdeutsch: Herausforderung) man denn nun angehen soll. Ich habe an anderer Stelle ja schon von meinen verzweifelten sportlichen und meinen bisher ganz erfogreichen nachhaltigen Versuchen berichtet. Das waren jedoch noch nicht alle Herausforderungen, die ich in diesem Jahr angenommen habe. Nein, dem Sixpack (altdeutsch: Waschbrettbauch) in dreißig Tagen und der Maximierung meines Waterintakes (altdeutsch: Wasserkonsums) habe ich mich dann doch verweigert. Stattdessen habe ich mir eine, wenn schon nicht altdeutsche, dann wenigstens altmodische, Lesechallenge vorgenommen.

1. Die Challenge

Dem Mythos nach ist der Penguin Verlag gegründet worden, weil die Auswahl an Büchern in britischen Bahnhöfen der 1930er Jahre miserabel war. Der Verleger Allen Lane entwarf deshalb in Ermangelung von Lesestoff während einer Zugfahrt den Plan, Bücher zum Preis einer Zigarettenpackung auf den Markt zu bringen. Er nannte den Verlag Penguin, was der Marketing Abteilung die Sache mit dem Logo erheblich vereinfachte. Etwa 80 Jahre später reicht jedoch ein gutes Logo nicht mehr, um sich zu vermarkten. Deshab also jede Menge Lesechallenges, die geneigte Blogger*innen und Instagrammer*innen dazu bringen, Hashtags zu benutzen und Bücher zu kaufen. Natürlich sollen sie auch lesen, aber das ist marketingtechnisch dann doch sekundär.

So kann man auf der Verlagswebseite die „classic books reading challenge“ starten. Dabei wird einem für jeden Monat ein sogenannter Klassiker vorgeschlagen, den man dann natürlich direkt bestellen und gegebenenfalls lesen kann. Jede Wette, dass die meisten spätestens im Mai abbrechen, wenn das „Manifest der Kommunistischen Partei“ dran ist. Für Menschen, die sich ihren Lesestoff nicht gerne ganz so direkt vorschreiben lassen wollen, gibt es auch offenere Konzepte, wie die „read the year challenge“. Dabei wird einem lediglich ein Auswahlkriterium für die Lektüre auferlegt. So hat man ein bisschen mehr Spielraum und muss sich nicht zwingend mit Karl Marx oder Jane Austen rumschlagen.

Und für alle die, die eben doch etwas altdeutsch sind, gibt es das ganze – ihr ahnt es schon – natürlich auch auf Deutsch. Und daran versuche ich mich nun eine ganze Weile:

2. Die Herangehensweise

Sage und schreibe 36 Haken gilt es in diesem Jahr zu setzen. 36 Bücher in einem Jahr zu lesen ist, meiner Erfahrung nach, kein ganz leichtes Unterfangen. Dabei auch noch ein jeweils passendes für die oben genannten Kriterien zu finden und kein neues zu kaufen (siehe meine #wenigerMehr-Challenge) macht die Angelegenheit nicht eben leichter. Man könnte das ganze etwas vereinfachen, indem man ein Buch für mehrere Kriterien gelten ließe, aber dann wäre es irgendwie keine Challenge mehr. Schließlich würde dann Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ als besonders dickes Buch, das das Debüt eines Autors ist, über eine fremde Kultur in der Wildnis einer einsamen Insel berichtet und außerdem vor meiner Geburt erschienen ist, fast schon die Hälfte der Liste abhaken.

Es gilt also: Jedes Buch zählt nur einmal. Und gelesen wird, was ins Regal kommt. Ich stöbere also in Bücherkisten, auf Flohmärkten und in den Bibliotheken. Als kleinen Bonus behalte ich es mir vor, die bereits gelesenen Bücher gegebenenfalls anderen Kategorien zuzuordnen, damit ich nicht gegen Ende des Jahres in Lesebedrängnis komme.

3. So weit, so gut: Zwischenstand

In den ersten Monaten musste noch einiges für die Uni gelesen werden. Glücklicherweise passte das aber auch ganz gut in die Liste. Dabei waren:

  • Daniel Defoe – Robinson Crusoe
  • Christian Kracht – Imperium
  • Michel Tournier – Freitag oder Im Schoß des Pazifik
  • Friedrich Forster – Robinson darf nicht sterben

Das gemeinsame Thema lässt sich leicht erkennen. Die Abschlussprüfung meines Studiums befasste sich mit dem literarischen Genre der Robinsonade als Katastrophenerzählung. Trotzdem waren die gelesenen Bücher verschieden genug, um einige Punkte abzuhaken. Forsters Theaterstück handelt von einer toten Berühmtheit, nämlich dem Robinson-Autor Defoe. Dessen Roman „Robinson Crusoe“ wiederum ist ein Buch, das ich schon mehr als ein Mal gelesen habe. Christian Krachts sehr unterhaltsame biographische Fiktion handelt von einem Mann, der eine Kolonie von Kokovoren (Kokosnussessern) gründen möchte – also von Essen. Und Tourniers „Freitag oder Im Schoß des Pazifik“ spielt als einzige der Robinsonaden vollständig auf einer einsamen Insel.

Glücklicherweise blieb mir auch neben dem Studium Zeit, zu lesen und so versvollständigen die Leseliste:

  • Tom Wolfe – Ich bin Charlotte Simmons (mit über 700 Seiten definitiv ein besonders dickes Buch)
  • Jean-Michel Guenassia – Der Club der unverbesserlichen Optimisten (nicht nur ein Buch, das meine Mutter besonders gern mag, sondern auch eins, das ich mir praktischerweise von ihr leihen konnte)
  • François Mauriac – Die Pharisäerin (Literaturnobelpreisträger und damit Teil einer Langzeit-Challenge meinerseits: mindestens ein Buch von jeder Literaturnobelpreisträger*in lesen)
  • Samuel Beckett – Murphy (zwar ebenfalls Literaturnobelpresisträger, aber hier aufgeführt, weil der Titel gleichzeitig der Name der Hauptperson ist)
  • Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen (auch hier half der – tierische – Titel beim Abhaken)
  • Reinhard Kleist – Der Boxer: Die wahre Geschichte des Hertzko Haft (sehr ungewöhnliche Graphic Novel über einen jüdischen Boxer im Zweiten Weltkrieg, die also vor meiner Geburt spielt)
  • Navid Kermani – Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan (ein tolles Buch über nicht nur eine, sondern viele mir fremde Kulturen)

 

4. Der Plan für die zweite Jahreshälfte

Der Plan ist: Es gibt keinen Plan. Ich hangele mich von Buch zu Buch und hoffe, dass die Mengen ungelesener Bücher in meinem Regal ausreichen werden, um die Liste zu füllen. Es wird eng, das ist aus der bisherigen Ausbeute deutlich abzulesen. Ich versuche deshalb vor allem nicht nur schneller zu lesen, sondern auch dünnere Bücher auszusuchen. Tipps kann ich trotzdem gebrauchen! Wer also ein kurzweiliges oder besser noch kurzes Buch kennt, das eines der noch offenen Kriterien erfüllt: Hit me up! (Altdeutsch: Lasst es mich wissen!)

Und wer noch einsteigen möchte in die Penguinlesechallenge: Es ist nie zu spät. Und gerade jetzt, wo der kommunistische Mai vorbei ist, lohnt sich vielleicht die Klassiker-Challenge doch noch.

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