Wind River: Ein Blick in den Abgrund

Eiseskälte, Einsamkeit und Hilflosigkeit. Wind River, der neue Film von Sicario-Regisseur Taylor Sheridan, ist kein bequemer, geschweige denn angenehmer Film. Er ist vielmehr ein quälend langer Blick in den Abgrund, der sich hinter der Fassade der Zivilisation auftut. Und natürlich schaut der Abgrund zurück.

Würde man versuchen, diesen filmischen Abgrund in einem Wort zu beschreiben, wäre es bildgewaltig. Wind River wird getragen von monumentalen Einstellungen, umfassenden Vogelperspektiven und langsamen Landschaftsschwenks. Der Film spielt im eisig kalten, unwirtlichen Outback von Wyoming und etabliert die schneebedeckten Berge von Anfang an als wichtigen Akteur. Einen, der über Leben und Tod entscheidet.

Bildgewalt

Wind River ist aber auch bildgewaltig,  weil die Handlung selbst voller gewaltiger (und gewalttätiger) Bilder ist. Oft ist beides – die Naturgewalt und die Gewalttätigkeit – in bedrückenden, aufwühlenden Einstellungen kombiniert. So wie zu Beginn des Films. Eine junge, indigene Frau rennt über ein schneebedecktes Feld. Es ist dunkel, ihr Atem kristallisiert hektisch vor und dann auch schon hinter ihr. Sie keucht und treibt sich doch unermüdlich vorwärts. Bekleidet ist sie mit nichts als einer Daunenjacke und einer Stoffhose. Sie trägt keine Schuhe, blutet aus Nase und Mund. Niemand ist weit und breit zu sehen. Vor und hinter ihr liegen bedrohlich dunkle Waldstücke, im Hintergrund erheben sich scharfkantig und düster die Berge. Eine Stimme rezitiert ein Gedicht über diese alptraumhafte Szenerie, ohne zu ihrer Deutung beizutragen.

Who-Dunnit?

Schließlich bricht die junge Frau zusammen und stirbt. Allein in der kalten Dunkelheit. Was dann folgt, trägt die Züge eines klassischen Who-Dunnit. Die überaus junge und überaus hilflose (aber natürlich überaus gutaussehende) FBI-Agentin Jane Banner wird aus dem fernen, warmen Las Vegas in die Gegenwelt des Indianerreservats abgezogen. Alles ist ihr fremd, erscheint ihr surreal und unverständlich. Banner bietet dem Zuschauer die Projektionsfläche für sein eigenes fremdeln mit der ‚exotischen‘ und ‚wilden‘ Welt des Reservats. Natürlich soll sie aber vor allem den Tod der jungen Indigenen untersuchen, da es sich, um ein Sexualverbrechen handelt. Ihr zur Seite steht Ranger Cory Lambert (Jeremy Renner), der, im Gegensatz zu ihr, die Leute und vor allem das Land (und ein Schneemobil) zu handhaben weiß. Raubeinig und abgeklärt hilft er der zarten Blondine Banner erst in den Schneeanzug und dann auf die buchstäbliche Spur.

Who cares?

Stück für Stück nähern sich die beiden der Tat, indem sie sie in einen Kontext stellen. Banner lernt die Lebenswelt der Indigenen kennen, die von Zerstörung und Isolation geprägt ist. Lambert hilft ihr, sich dabei nicht auf Abwegen zu verlieren, sondern dem Täter auf der Spur zu bleiben. Schließlich führt einer der Umwege sie schließlich zur Tat, die daraufhin gnadenlos unmittelbar vor den Augen aller (vor allem denen des Publikums) erneut abläuft. Wie ein Film (im resignierten Sinn des Wortes).

Bei allem Who-Dunnit, das der Film sorgfältig auslotet, bleibt die Frage nach dem Warum doch letztendlich offen. Die junge Indigene stirbt allein gelassen auf der Flucht. Die Hintergründe der Tat, die Banner und Lambert nach und nach aufdecken, helfen dem Zuschauer nicht, das Verbrechen in eine handliche Form zu pressen. Es bleibt sperrig und grausam, dass eine junge indigene Frau vergewaltigt worden ist und niemand sich zu Wort meldet. Kein reuevoller Täter, keine juristische Instanz, kein öffentlicher Aufschrei. Dabei ist sie nicht die erste.

Der Abgrund

Qualvoll langsam führt Regisseur und Drehbuchautor Taylor Sheridan den Zuschauer in die Welt der auf dem Reservat lebenden Indigenen. Die harte, unbarmherzige Natur wird Kulisse für eine Jahrhunderte alte Diskriminierungspolitik, die ihre Spuren überall hinterlassen hat. Der Film wird so zu einer Spurensuche nicht nur im Bezug auf das Verbrechen, sondern im Zusammenhang mit der ganzen amerikanischen Geschichte. Ökonomische, politische und soziale Diskriminierungen werden latent spürbar, ohne sich dem Zuschauer als monokausale und somit dankbare Erklärung für das Geschehen anzubieten.

Sheridan hat sich selbst den Anspruch gestellt, die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung offen zu legen. Ans Ende des Films stellt er einen traurigen politischen Fakt: Über jede Bevölkerungsgruppe in den USA werden Statistiken geführt, die die Zahl der verschwundenen Frauen erfassen. Nur nicht über Indigene.

Ans Ende einer Rezension (und den Anfang einer neuen Kritik) lässt sich nun ein ebenso trauriger politischer Fakt stellen: Taylor Sheridan hat einen Film über die Diskriminierung von Indigenen gemacht und beide Hauptrollen an weiße, arrivierte Hollywood-Schauspieler vergeben.

Die Gretchen-Frage der Political Correctness

Taylor Sheridan hat also mit Wind River dezidiert einen Film über die Diskriminierung von Indigenen gemacht und beide Hauptrollen an weiße, arrivierte Hollywood-Schauspieler vergeben. Stellt er sich damit in die Tradition von cultural appropriation, white-washing, black-/red-/yellow-facing und anderen sperrigen Konzepten von struktureller Diskriminierung?

Immerhin, das muss zu seinen Gunsten festgehalten werden, hat er die Rollen von indigenen Charakteren auch mit Schauspielern gesetzt, die indigenen Hintergrund haben. Damit macht er vieles besser als andere große Produktionen (es ist hart, aber: Winnetou war weiß und Taylor Lautner ist nur zu einem wirklich homöopathischen Teil Indigener). Der Vorwurf des red-facing kann also an dieser Stelle zu den Akten gelegt werden.

Der ‚edle Wilde‘, ein Opfer der Umstände

Trotzdem: Auch in Wind River bleiben die großen Rollen in weißer Hand. Agency, also Handlungsmacht, findet sich bei den Indigenen nur bedingt. Indigene Frauen finden nur als Opfer statt: Die Töchter sind Opfer von Vergewaltigung und Mord, die Mütter trauern um ihre Töchter und sind vollkommen hilflos. Die Väter sind ebenso machtlos, ob es nun die buchstäblichen Väter sind oder der Vater des Reservats, der Polizeichef. Die Verbindung zu ihrer Kultur haben sie verloren, den Anschluss an die Außenwelt findet niemand. Die Söhne verlieren sich in Drogenexzessen.

Sicherlich lässt sich argumentieren, dass der Film das Leben auf einem Reservat möglichst realitätsnah abzubilden versucht. (Wobei fraglich ist, ob die Realität auf Reservaten tatsächlich so aussieht, was wieder zum von Sheridan angeprangerten Datenmangel zurückführt.) Genau so gut ließe sich argumentieren, dass gerade der Film die Möglichkeit bieten würde, die Handlungsbeschränkungen die Indigenen in der Realität auferlegt sind, zu überwinden.

Der weiße Retter?

Stattdessen setzt man Jeremy Renner als Spurensucher und Jäger ein, der in der Aufklärung des Verbrechens an einer jungen Indigenen auch die Aufklärung des Todes seiner eigenen Tochter zu finden sucht. Seine Ex-Frau, eine Indigene, findet in diesem Szenario nur auf Fotos und zwischen Tür und Angel statt. So , wie sie sich von ihrer indigenen Gemeinschaft zurückgezogen hat, hat sich auch ihr Ex-Mann von der amerikanischen Gesellschaft entfernt. Jeder wird so zum Marginalisierten, aber trotzdem bleibt das filmische Auge auf Cory Lambert fixiert. Wieso ist es wichtig (respektive: so viel wichtiger), dass Jeremy Renner als einzig nicht Indigener auf dem Reservat agiert? Würde der Plot nicht genau so gut funktionieren, wenn statt Jeremy Renner ein indigener Schauspieler eine indigene Rolle verkörpern würde?

Mein Reflex als in politischer Korrektheit geschulte Kulturwissenschaftlerin ist, genau das einzufordern: Eine indigene Hauptrolle! Nach längerem Nachdenken stelle ich fest, dass das zu einem neuen Problem führt: In der Hauptrolle von Wind River wäre dann ein spurenlesender, jagender Indigener zu sehen. Ein Klischee auf zwei Beinen quasi, es fehlt nur die Kriegsbemalung. Der Plot würde plakativ wirken, unglaubwürdig. Und vielleicht würde er der Sache schaden. Eine Horde (!) Indigener nimmt Rache an den Weißen, die für den Tod einer ihrer Töchter verantwortlich sind? Ob das die richtige Botschaft sendet, lässt sich zumindest anzweifeln.

Die hilfsbedürftige Blondine

Außerdem bliebe dann als einzige nicht indigene Figur im Zentrum die hoch behackte und wenig erfahrene FBI-Agentin zurück, die ganz in der Tradition von Dana Scully mit ihren eigenen Ängsten konfrontiert wird. Auch ganz in der Tradition von X-Files bleibt Jane Banner aber eben ein bisschen flach als Charakter und ihrer schwachen Weiblichkeit verbunden. Ohne ihren Retter Cory Lambert würde sie es nicht bis zum Ende des Filmes schaffen, so viel sei verraten. Mit einem indigenen Hauptdarsteller bliebe dann also die unerfahrene, naive, weiße Frau, die auf die Hilfe des starken, wilden, schweigsamen Indigenen angewiesen ist. Erst ist sie ihm gegenüber skeptisch, dann rettet er ihr Leben und sie fasst Vertrauen. Das klingt so sehr nach Die weiße Massai oder Jenseits von Afrika in rot (racist pun intended), dass es aus Wind River eine Romanze machen könnte. Man müsste bei genauerer Betrachtung nicht einmal den Namen ändern.

Ein Klischee führt so zum anderen und doch nie zu einem politisch korrekten Film. Es ist eine vertrackte Lage, die weder Taylor Sheridan in einem einzigen Film, noch ich in einem einzigen Text auch nur annähernd auflösen können (Zum Thema blonde Unschuld habe ich das ja auch schon in einem anderen Text versucht). Zumal wir als zwei Weiße, die über Marginalisierte schreiben, irgendwie auch schon wieder kolonialistische Denkmuster fortschreiben. Ein Teufelskreis, der sich in dem Moment in eine Abwärtsspirale verwandelt, in dem man realisiert, dass der berühmt berüchtigte Harvey Weinstein tatsächlich in die Produktion des Films involviert war (auch wenn im Nachhinein versucht wurde, das zu retouchieren). Wo keine Lösungen und Antworten zu finden sind, bleibt also (Sheridan und mir) nur das Fragenstellen.

Was sehen wir, wenn wir in den Abgrund blicken? Und was sieht er, wenn er zurück blickt?

Wind River jedenfalls regt definitiv zum Nachdenken an. Er ist unbequem, hart und legt den Finger in eine offene Wunde der amerikanischen Gesellschaft – letzten Endes der Menschheit überhaupt. Immer noch, auch im 21. Jahrhundert, auch in sogenannten ‚zivilisierten‘ und ‚entwickelten‘ Gesellschaften gibt es Orte voller Gewalt und Gruppen, die unter dieser Gewalt leiden. Es gibt Unterdrücker und Unterdrückte. Und oft genug kann man sie an ihrer Hautfarbe, an ihrem Geschlecht oder ihrer Religion voneinander unterscheiden.

Die Bildgewalt von Wind River zwingt den Zuschauer mit aller Macht in den Film und so zur Frage: Was siehst du im Abgrund? Was sieht der Abgrund in dir? Anders als das Leid vieler Indigener, wird das hier gezeigte Leid nicht so schnell vergessen und beschäftigt einen noch lange nach dem (so viel sei verraten: monumentalen, dramatischen, halbwegs kathartischen) Ende des Films.

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