Das Musikjahr 2017: Die besten Alben

Dieses Jahr hat uns viele großartige Alben und Singles beschert, unabhängig von Genre, Herkunftsland und Sprache. Ich beschere euch zu Weihnachten eine völlig subjektive Auswahl der Künstler*innen, die mich durch das Jahr begleitet haben.

Über manche besonders schönen Alben habe ich mich schon mehr oder weniger ausführlich in der Badischen Zeitung ausgelassen. Dort durfte ich beispielsweise meine Begeisterung über das Schimpfwort-Repertoire von SXTN kundgeben („aggressiv, laut und unverschämt“). Ebenso schrieb ich voller Bewunderung über den ewig wandelbaren und doch unverwechselbaren Casper, der mit einem Jahr Verspätung im September ein Wahnsinnsalbum auf den Markt geworfen hat.

Natürlich hat mich auch Kendrick Lamars „DAMN.“ völlig von den Socken gehauen. Aber ich denke, dieses Album muss man nun wirklich niemandem mehr empfehlen. Aber die hier vielleicht:

1. Trettmann – #DIY

Sicherlich in HipHop-Kreisen auch nicht gerade ein Geheimtipp, sondern vielmehr das wohl gehypteste Album des Jahres. Zu recht: Sechs Kronen in der JUICE – das ist eine Höchstwertung, die in etwa drei Michelin-Sternen oder einem Lob von Marcel Reich-Ranicki entspricht.  Trotzdem ist Trettmann jenseits der Szene nicht so bekannt, wie er sein sollte, denn das Album ist – getreu dem Namen – Marke Eigenbau und deshalb ohne Chart-Wertung und andere verkaufsfördernede Industriemaßnahmen gelaufen.

„#DIY“ ist ein kurioser Mix aus Dancehall, Plattenbau, Autotune und atmosphärischen Sound-Arrangements. Es ist Rap, es ist aber auch alles andere. Vor allem viel Poesie. Trettmanns Texte kommen ohne peinlich erzwungene Endreime aus und sind oft von minimalistischer Schönheit. Er gibt auf jeden Fall mehr als einen Song, den man fühlen kann (Billie Holiday, New York). Und außerdem die vielleicht stärksten Features des Jahres: Hayiti & Joey Bargeld (Nur noch einen), RAF Camora & Bonez MC (Gottseidank).

2. Bonaparte – The Return of Stravinsky Wellington

Dass es ein Nicht-Rap-Album in meiner persönlichen Hitliste so weit nach oben schafft, ist definitiv alles andere als selbstverständlich. Bonaparte aber ist seit Jahren mit jedem Album ganz vorne mit dabei. Die Mischung aus Hipstertum, Bohème und echtem Punk reißt mich jedes Mal wieder mit. Hingerotzte Gleichgültigkeit und liebevoll ausstaffierte Aggression  – Bonaparte sind Meister des stilistischen Spagats. Mit „The Return of Stravinsky Wellington“ ist Bonaparte deutlich ruhiger und weniger napoleonisch geworden, dafür aber umso politischer (White Noize). Dabei kommen Humor (Polyamory) und vor allem Sexappeal (Fuck Your Accent) aber nicht zu kurz.

3. Zugezogen Maskulin – Alle gegen Alle

Zugezogen Maskulin ist nicht unbedingt ein Hörgenuss im klassischen Sinne. Es ist mehr wie ein Faustschlag ins Gesicht – manche mögen sowas ja. Ich zum Beispiel. Testo und Grim104 rappen fast schon schreiend zu treibenden Beats über den Untergang des Abendlands, der geprägt ist von ekelhafter Dekadenz (Was für eine Zeit), faustischer Selbstüberhöhung und natürlich neoliberalem Darwinismus (Alle gegen Alle).  Sie hassen die Provinz, die Berliner und vor allem den Konsum und sämtliche sozialen Medien. Für Positives ist da kein Platz, wirklich gar keiner (Steffi Graf). Wer sich das Album in einem Stück anhört, kann danach durchaus in tiefe Sinnkrisen oder rasende Aggression fallen. Manche mögen sowas ja – ich zum Beispiel.

4. Haiyti – Follow mich nicht

Klar, Frauen sind im Deutschrap immer noch zahlenmäßig unterrepräsentiert, aber in Sachen Qualität sind sie ganz vorne mit dabei. Haiyti gehört zu den kreativsten, innovativsten Künstler*innen in Deutschland. Noch dazu ist sie unfassbar produktiv (2017 erschienen neben dem Mixtape „Follow mich nicht“ noch zwei EPs, ihr Album Montenegro Zero ist für Januar 2018 angekündigt). Ihr Sound ist absolut einzigartig. Zunächst einmal natürlich wegen ihrer Stimme, die manche als anstrengend schrill bezeichnen würden. Dann aber auch wegen der gepitchten Trap-Beats, die jeden Song irgendwie nach Party klingen lassen. Und dann sind da noch die Texte, die das Leben der Luden und Nutten zum Thema haben und sich nie zwischen Gucci-Tasche und Adidas-Jogginganzug entscheiden können.

5. Der Täubling – Der Täubling

Zu beschreiben, was der Täubling macht, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist ein bisschen Kafka trifft Donnie Darko und Charles Bukowski, zusammen nehmen sie ein bisschen Heroin und es regnet. Skurille Misanthropie wird von einem seltsamen Fantasiewesen (inklusive Hasenohren) mit bourgeoisen Klassik-Samples auf die Spitze getrieben und dort langsam zerfleischt.  Wenn es so etwas wie Avantgarde-Rap gäbe, dann wäre der Täubling derjenige, dem das schon wieder zu mainstreamig ist. Seinen Retro-Sound, inklusive kurioser Filmeinspieler (Der Täubling), kombiniert er mit gewürgten Verbaleskapaden und gezielter Kakophonie. Die Texte wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Dada und Weltschmerz(Für Jean Baptiste). In jedem Fall ist das Album eine absolut traumatische Erfahrung, die man auf keinen Fall missen sollte und die man nie wieder vergessen kann.

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