Das Musikjahr 2017: Die besten Songs

Klar, ich habe bereits verraten, welche Alben mich in diesem Jahr besonders begeistert haben. Aber mal ehrlich: Wer hört im digitalen Zeitalter noch ganze Alben? Die Aufmerksamkeitsspanne reicht nicht für ganze 60 Minuten, das Streaming-Kontingent auch nicht nicht und die Zeit sowieso nicht. Deshalb gibt es hier ein bisschen was für die Skipper*innen und Mash-Up Fans.

Es war schon schwierig genug aus der Unmenge an Releases meine liebsten Alben in einer leserfreundlichen (Aufmerksamkeitsspanne und so) Liste zusammenzufassen. Bei den Songs wird es nun eine absolute Unmöglichkeit. Allen, die wissen wollen, wie sich das Jahr 2017 für mich in toto anhört, sei deshalb gleich die Spotify-Playliste 2017 ans Herz gelegt. Übers Jahr hinweg habe ich versucht, dort alle Songs zu sammeln, die mich berühren, mitreißen, anstacheln oder zum Lachen bringen. Und natürlich war das nicht nur Rap (es könnte sich eventuell sogar ein Taylor Swift-Song in der Playlist finden…) Eine nicht repräsentative und nicht hierarchische Auswahl gibt es hier:

1. Bausa – Was du Liebe nennst

Kein Superlativ ist zu groß für diesen Song des Jahres – acht Wochen auf Platz eins der Charts (das ist länger als Ed Sheeran) über 52 Millionen YouTube Clicks. Da ich an einem Ort arbeite, der mit Radio-Musik beschallt wird, sollte man meinen, dass mir Was du Liebe nennst längst tierisch auf den Keks geht. Ist aber nicht so. Ich höre ihn sogar trotzdem jeden Morgen zum Aufstehen. Seit mindestens zwei Monaten. Vielleicht habe ich meine Boyband-Phase doch nie so richtig hinter mit gelassen, aber Bausa trifft meine Vorstellungen von einem Mega-Hit ziemlich genau. Ich kann auch alle Skeptiker beruhigen: Das ist kein One-Hit-Wonder. Sein Album „Dreifarbenhaus“ hat noch einige Kracher zu bieten, die auch in der Playliste zu finden sind.

2. Capital Bra – Nur noch Gucci

Hier stimmt einfach alles: die eingängige Hook, der roughe Sound und das rollende R. Capital Bra flowt so unfassbar lässig, dass es eine wahre Freude ist. Der Track funktioniert für mich auch noch nach dem hundertsten Hören als Turn-Up und weckt sogar das leichte Verlangen nach Gucci-Bauchtaschen in mir.

3. Kollegah & Farid Bang – Zieh‘ den Rucksack aus

Lange habe ich immer gesagt, ich würde mir wünschen, ich könnte Kollegah scheiße finden. Aus feministischen Gründen und so. Die Wahrheit ist aber, dass ich seit Jahren vermutlich der größte geheime Kollegah-Fan in Deutschland bin. (Am liebsten höre ich seine Musik natürlich beim Pumpen und mische danach Protein mit Kodein.) Mit „Jung Brutal Gutaussehend 3“ hat er mir jetzt den Gefallen getan, ihn wirklich nicht mehr so gut finden zu können. Denn bis auf die erste Single-Auskopplung ist das Album echt miserabel. Zieh‘ den Rucksack aus ist dafür das ungehörigste und absurdeste, was Deutschrap in diesem Jahr hervor gebracht hat. Mit so einer Dreistigkeit sich selbst und die ganze Szene, ja sogar die eigenen Fans, der Lächerlichkeit preis zu geben, verlangt – pardon my french – ganz schön Eier. Aber hallo.

4. Lil Peep feat. Lil Tracy – Awful Things

Ich muss gestehen, dass ich leider erst durch seinen Tod auf seine Musik aufmerksam geworden bin. Lil Peep war ein wahnsinnig talentierter Rapper, der sich nicht scheute, Genregrenzen zu sprengen und trotz seines Alters (21) schon stilprägend wirkte. Emo-Rap nennen manche nicht zu unrecht die Mischung aus Rock-Gitarren, rauen Gesangsstimmen und emotional gerappten Inhalten, die Lil Peeps Musik prägte. Seine Authentizität machte ihn unheimlich erfolgreich, war aber letzten Endes auch das, was ihn in den Tod trieb. Er kannte alles, wovon er rappte – die Depression, die Wut, den Hass und vor allem die Drogen. Er starb am 15. November an einer Überdosis.

5. Ali As – Insomnia

Als das Album von Ali As rauskam dachte ich noch, dass er gute Chancen hätte, es in meine Top Alben 2017 zu schaffen, aber er wurde in der zweiten Jahreshälfte grandios abgehängt. Trotzdem haben es einige seiner Songs in meine Playliste geschafft, nicht zuletzt wegen wahnsinnig guter Features (Joshi Mizu auf Jasmina und Kollegah auf Asche auf Balmain). Das zentrale Zuckerstück des Albums: der Titelsong. Insomnia schafft die perfekte Mischung aus einer poppigen, eingängigen Hook und ausgefeilten Rap-Strophen.

6. Ebow – Punani Power

Feministischer Rap ist in Deutschland angekommen und darf euch natürlich nicht vorenthalten werden. Zwar ist der Song meiner Meinung nach nicht perfekt – der Flow hinkt hier und da, ein paar Lines treffen nicht so ganz ins Schwarze – aber er zeigt doch, dass in Zukunft mit so einigem zu rechnen ist.  Zum Beispiel mit Birkenstock. Vor allem aber mit Ebow, die ganz nebenbei ein bisschen feministische Basisarbeit in ihre Musik, in ihre Videos und in ihr Artwork einbaut. Punani Power eben.

7. Frauenarzt & Taktlo$$ – Wir sind GOTT

Zugegebenermaßen kann ich jeden verstehen, der mit Taktlo$$ und Frauenarzt nichts anfangen kann. Trotzdem: Wie erhaben muss man sein, um einen Rotzer als Teil des Beats zu verbauen (1:20 min)? So erhaben wie Taktlo$$ und Frauenarzt eben, die auch 2017 knallhart auf Tape veröffentlichen und rappen als wäre es 1999. Taktlo$$ ist sowieso eine Klasse für sich mit seiner absoluten inhaltlichen und formellen Taktlosigkeit (nomen est omen), aber auch Frauenarzt ist eben mehr als der Typ von den Atzen, als den ihn meine Generation kennengelernt hat. Wir sind GOTT ist übrigens nur das Intro, man stelle sich den Rest des Albums an dieser Stelle einfach mal vor.

8. Yung Hurn – Blumé

Ist das noch Rap oder ist das…? Ja, was eigentlich? Yung Hurn ist das überraschendste, was Österreich seit Falco hervorgebracht hat. Panflöten-Beats sind immerhin nicht gerade alltäglich in einem derart basslastigen Genre und auch seine stark repetitiven, minimalistischen Texte sind eher ungewöhnlich. Virtuos ist das ganze trotzdem irgendwie, wenn Yung Hurn mit einer gehörigen Portion Schmäh sexuelle Anweisungen ins Mikro haucht. Ich würde gehorchen.

9. Die Schwarzwälder Kirschtorten – Glück gehabt

Dieser Track ging wohl an niemanden spurlos vorüber und hat Jan Böhmermann sicherlich einige schlaflose Nächte bereitet. Wenn Rapper sich schon besser selbst parodieren, als er es jemals könnte, wer will ihn dann noch sehen und hören? K.I.Z. setzen als Schwarzwälder Kirschtorten mal wieder die Maßstäbe für deutschen Humor (Sie sind schließlich auch dessen Erfinder, siehe Wir) und noch dazu meine Heimatregion perfekt in Szene.

10. 187 Strassenbande – Mit den Jungs

Als nicht Rap-Fan mag man sich in den vergangenen Jahren vielleicht gefragt haben, warum in der Stadt vermehrt 187 Tags gesprayt wurden. (Vielleicht fragt man sich dann aber auch, was zur Hölle eigentlich ein Tag ist.) Als Rap-Fan fragt man sich manchmal, warum man nicht auch damit anfängt. Die 187 Straßenbande ist inzwischen fast sowas wie Deutschlands NWA. Oder die Backstreet Boys – auf jeden Fall Straße. Die Themen und Sounds sind gerade klassisch genug, um keinen Old Schooler zu vergraueln und immer frisch genug für den Nachwuchs. Ich persönlich werde bei den unfassbar krassen Stimmen von Gzuz und Bonez MC einfach schwach. Meinen Pass möchte ich erstmal noch nicht verbrennen, aber wer weiß was bei Sampler Nr. 5 passiert.

 

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