Deutschrap 2018: Ein Zwischenstand

Rap wächst mit seinen Aufgaben. Und weil er seit einigen Jahren nicht mehr nur eine erfolgreiche Jugendkultur, sondern vielmehr Kristallisationspunkt einer gespaltenen Gesellschaft ist und unter intensiver Beobachtung der Medien, der Wissenschaft und natürlich einer ausgereiften Fankultur steht, erfindet Deutschrap sich immer wieder neu. Manche dieser Innovationen sind zweifelhafter Natur – weder neu, noch gut, könnte man sagen. Andere jedoch scheinen die Raplandschaft (und vielleicht die Gesellschaft?) wirklich nachhaltig zu verändern. Auch im noch jungen Jahr 2018 lassen sich schon Tendenzen erkennen.

1. Die Bratanisierung des Abendlandes

Azzlacks sind so was von 2010. Die selbsternannten „asozialen Kanaken“ mit ihrem Babo aller Babos, Haftbefehl, haben ihren Platz als Staatsfeind Nr. 1 an eine neue Gruppe abgegeben. Auch diese Rapper inszenieren sich als junge, gewaltbereite, bildungsferne Männer mit Migrationshintergrund und rappen über ihren kriminellen Alltag. Im Grunde bleibt also alles beim Alten mit den Bratans. Allerdings stammen ihre Familien nicht aus dem Nahen Osten oder der Türkei, sondern aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, vom Balkan oder aus Polen. Ihre Musik klingt nach schmutziger Straße und sieht vor allem auch so aus. Luxuslabels, die nicht gerade für dezente Designs bekannt sind und Trainingsensembles von Adidas (wahlweise mit Adiletten) werden mit dicken Goldketten im Ausschnitt von Feinripp-Unterhemden (oder auch auf gestählten nackten Oberkörpern) kombiniert.

Die Bratans haben definitiv Attitude, wenn sie vor Mercedessen squatten und Drehkicks verteilen. Damit zeichnen sie eine Traditionslinie, die noch weit vor die Azzlacks zurückreicht bis zu N.W.A. Die „Niggaz Wit Attitudes“ gelten als die Urväter des Gangsta-Raps und sorgten Anfang der neunziger Jahre mit ihrem eigenwilligen Äußeren und aggressiven Auftreten für Existenzängste im Bildungsbürgertum. Die Bratans knüpfen in ihrem „BWA“ betitelten Zusammenschluss erfolgreich an die damals beschworenen Untergangsszenarien der abendländischen Kultur an. Ihrer Machtübernahme scheint sich kaum jemand in den Weg stellen zu wollen. Die Rs rollen unaufhaltsam. Seit Jahren sind die Alben von Celo & Abdi (zuletzt das großartige Diaspora) heiß begehrt. Mit Olexeshs neuem Album Rolexesh (gesprochen: Rrrrrolexesh) sind die Bratans nun der Thronbesteigung wieder ein ganzes Stück näher gekommen. Andererseits wird bei aller Bewegung am Hof der Regent letzten Endes derselbe bleiben. Als Signings von Haftbefehls Azzlackz-Label sind auch die Bratans die Chabos des einzig wahren Babos.

2. Weil ich ein Mädchen bin

Dass Rap keine ausschließliche Männerdomäne ist, haben ich und andere schon mehr als genug betont. Trotzdem sei die Tatsache, dass Frauen sich immer lauter bemerkbar machen, an dieser Stelle erneut als begrüßenswerter Wandel erwähnt. Denn im Gegensatz zu einigen etwas zweifelhaften musikalischen Projekten von Frauen im Rap, sind die Rapperinnen 2018 gamechanging (um es im passenden Slang zu sagen). Natürlich gebührt auch Sabrina Setlur und TicTacToe ein Platz im Rap-Olymp für ihre Pionierarbeit, aber zu heute besteht da eben doch ein großer Qualitätsunterschied. Nicht nur, dass Rapperinnen wie Nura und Juju neben SXTN auch noch einen enormen Output als Solo-Künstlerinnen haben. In ihren Features stellen sie auch noch regelmäßig ihre männlichen Gegenüber in den Schatten. SXTN hat den Hype gebunkert.

Über Haiyti möchte ich hier gar nichts mehr sagen, ich denke, mit meiner Eloge auf ihr im Januar erschienenes Album Montenegro Zero habe ich mich bereits eindeutig als Fan positioniert. Inzwischen ist aber eine weitere vielversprechende Rapperin mit einem Album in Erscheinung getreten. Eunique zeigt mit jeder Single mehr, dass ihr Rap-Style ihrem krassen Kleidungsstil und Auftreten in nichts nachsteht. Die Hamburgerin strotzt nur so vor Selbstbewusstsein und perfektioniert ihr Image in Youtube-Serien (Becoming Eunique) und auf ihren Social Media-Kanälen. Aller Voraussicht nach wird sie auch in der neuen Staffel der Serie 4 Blocks eine Rolle spielen. Im April soll ihr Debüt-Album Gift erscheinen. 2018 kann man also kaum an Eunique vorbeikommen. Und wahrscheinlich will man das auch gar nicht.

3. It’s (still) a Trap

Okay, Trap ist wirklich nicht mehr neu. Es sieht aber so aus, als wäre er gekommen, um zu bleiben. Mit Autotune, frei nach dem Motto: Viel hilft viel, und verschiedenen subkulturellen Variationen ist Trap variabel genug, um jeden irgendwann zu erwischen. Ob es der eher ruhige Reggae-Vibe von Trettmann ist, der 2018 immer noch auf der Erfolgswelle von #diy surft und Hallen füllt, oder das aggressive Gebrülle des Opening-Acts besagter Tour, Joey Bargeld: Trap ist überall.

Vielleicht liegt es einfach daran, dass die simple Beat-Struktur stets etwas Treibendes vermittelt, dem man sich schwer entziehen kann. Mit Sicherheit beeindruckt auch das Hingerotzte, Schamlose und Widerständige, das Trap selbst in Liebesliedern noch vermittelt. In Deutschland sind es vor allem die Produktionen des Teams Kitschkrieg (verantwortlich für Trettmann, Joey Bargeld und natürlich Haiyti) und die Straßen-Trap Crew 187 Straßenbande mit ihrem Produzenten Jambeatz, die aus Trap Gold machen. Nach gefühlt einhundert Trap-Hits in allen Subgenres ist die Frage, ob 2018 nicht eventuell eine Sättigung des Marktes eintritt und der Durchschnitts-Rapfan nach etwas Neuem verlangt, das seine gar nicht durchschnittliche Rebellion gegen den Mainstream besser verkörpert.

Allen, die immer auf dem Laufenden sein wollen, um bei Gesprächen mit street knowledge punkten zu können, empfehle ich zu guter Letzt meine 2018 Playliste (wird natürlich laufend geupdated). Als Schmankerl findet sich da hin und wieder sogar ein Song, der gar nichts mit Rap zu tun hat (Spoiler: Olli Schulz!)

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