Die ultimative History of Rap: Part 2

Die neunziger Jahre sind die Zeit, in der Rap sich ausprobiert. Eine wilde Jugend, die die ein oder andere modische und musikalische Eskalation hervorbrachte, aber auch einige gut alternde Meisterwerke. Beides findet sich hier im zweiten Teil der ultimativen History of Rap.

1990 Vanilla Ice – Ice, Ice Baby

Der kommerzielle Erfolg von Vanilla Ice mit seinem gehauchten Hit „Ice, Ice Baby“ war eine frühe Schreckstunde des Rap: Sollte das etwa schon das Ende der afroamerikanischen Musikart sein? Würde es Rap so ergehen wie Blues und Rock zuvor – aus der kreativen Wiege gehoben von afroamerikanischen Künstler*innen, kommerzialisiert und ausgeschlachtet von Weißen? Glücklicherweise ist das nicht passiert. Anders als im Falle von Rock und Blues hatten die afroamerikanischen Künstler*innen zu diesem Zeitpunkt schon eine breite Öffentlichkeit auf sich aufmerksam gemacht und konnten sich gegen potentielle Ausbeutung besser wehren. Und zu Ehrenrettung von Vanilla Ice: Für seinen Hit hatte er ein Sample von „Under Pressure“ von Queen und David Bowie verwendet. Sehr weiß.

1991 A Tribe Called Quest – Check The Rhime

A Tribe Called Quest thematisieren in diesem Song ihre gemeinsame Herkunft aus Queens. Ähnlich wie Künstler von der Westküste (wie N.W.A.) dient die exakte lokale Verortung zur Herstellung einer gemeinsamen Identität. In ihren oft philosophischen und nachdenklichen Raps ist noch nichts zu spüren von der aus dieser lokalen Verbundenheit entstehenden Konkurrenz zwischen Ost- und Westküste. Die Jazz-Samples, die oft übereinandergelegt werden, und der dialogische Rap zwischen Q-Tip und Phife Dawg verleihen dem Track eine Lockerheit, die für die 90er Jahre Maßstab ist.

1992 Die Fantastischen Vier – Die da?!

Man kann sich über Vieles streiten in Sachen Rap, aber einige Dinge haben den Status ewiger Wahrheiten erreicht: Die Fantastischen Vier haben mit „Die da?!“ den ersten Charterfolg für Deutschrap erreicht. Sie waren es, die das Rappen auf deutsch einer breiten Masse bekannt gemacht haben. Und sie rappen immer noch. Ob das nun gut oder schlecht ist, das ist wiederum eine dieser Angelegenheiten, über die man sich streiten kann.

Streiten kann man sich auch, ob man für 1992 nicht lieber den Song „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry wählen sollte. Der Track ist die Geburtsstunde von deutschem Conscious-Rap und macht auf Marginalisierung und Rassismus in Deutschland aufmerksam. Teil von Advanced Chemistry war Torch, der von sich behauptet, Deutschrap erfunden zu haben – in Form von Freestyles Ende der 80er Jahre. Ich habe mich in diesem Fall für die Fantastischen Vier entschieden, da ihr kommerzieller Erfolg deutlich größer war und sie die deutsche HipHop-Szene bis heute als Crew prägen.

1993 Cypress Hill – Insane in the Brain

Cypress Hill sorgten für eine weitere Diversifizierung des US-amerikanischen Raps: Sie waren die erste latino-amerikanische Rapgruppe, die mit ihren Songs kommerzielle Erfolge erzielen konnte. Doch auch ohne die ethnisierende Einschränkung waren Cypress Hill eine der bedeutendsten Rap Crews der frühen Neunziger. Sie waren die ersten Rapper, die zeitgleich zwei Alben in den Billboard Top 10 hatten – ebenfalls im Jahr 1993.

1994 Nas – It Ain’t Hard to Tell

„It Ain’t Hard to Tell“ ist die einzige Single-Veröffentlichung von Nas‘ legendärem Album „Illmatic“. Es gilt bis heute als eines der prägendsten Alben der Rap-Geschichte, wird auf eine Stufe gestellt mit Dr. Dres „The Chronic“ oder Snoop Doggs „Doggystyle“. Beeindruckend ist das Album vor allem durch seine ausgefeilte Bildsprache, die monumentaler und tiefgründiger ist als es im Rap bis dahin üblich war. Viele Rapper nahmen sich diese Lyrizität in der Folge zum Vorbild.

Außerdem erscheint das Album in einem Jahr, das für Rap oft als Tipping Point hin zum Mainstream gesehen wird. Auch wenn Nas selbst in diesem Jahr mit „Illmatic“ noch nicht den großen kommerziellen Erfolg einholen kann, so ist das Album doch ein Zeichen dafür, dass Rap produktionstechnisch und lyrisch in eine neue, hyperprofessionelle Ära übergeht.

1995 TuPac feat. Dr. Dre – California Love

Mitte der Neunziger Jahre ist der Streit zwischen East und West Coast in aller Munde. „California Love“ ist purer Lokalpatriotismus, der in krassem Kontrast zum mafiös-düsteren New York zelebriert wird. Der Song markiert außerdem TuPacs Einstand beim Label Death Row, dessen Chef ihn eigenhändig aus dem Gefängnis freigekauft hatte. Eine lohnende Investition.

Der Streit zwischen East und West Coast kannte im Endeffekt übrigens keine Gewinner, nur Verlierer. Und er kostete TuPac das Leben – nur ein Jahr nach der Veröffentlichung von „California Love“.

1996 Tic Tac Toe – Ich find‘ dich scheiße

Bis heute hält sich ja hartnäckig das Gerücht, Frauen würden im Rapbusiness keine Rolle spielen. Tic Tac Toe sind der Beweis dafür, dass es sich hier wirklich nur um ein Gerücht handelt. Sie haben es nur einfach nicht in den üblichen Rap-Kanon geschafft. Vielleicht liegt es daran, dass die Konkurrenz im Jahr 1996 groß war: Die Fugees waren mit „Killing Me Softly“ wohl Ohrwurm Nummer Eins und das Rödelheim Hartreim Projekt mischte Deutschrap auf. (Nicht zu vergessen: 1996 war auch das Jahr, in dem Fettes Brot sich allein an der Südsee bräunten und sich bei allem ziemlich unsicher waren.) Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der Rap-Kanon so um Selbstlegitimation bemüht ist, dass drei schrille junge Frauen mit lustig-poppigen Songs darin einfach keinen Platz finden. Wenn man sich anschaut, wie stiefmütterlich die Fantastischen Vier behandelt werden, ist das gar nicht so absurd.

Schade ist es aber allemal, denn Tic Tac Toe haben Rap in deutsche Kinderzimmer gebracht und Mädchen wie mir eine erste Ahnung davon gegeben, wie weit frau es bringen kann, wenn sie Männern ins Gesicht sagt, was sie von ihnen hält.

1997 The Notorious B.I.G – Hypnotize

Ich muss gestehen: Ich wusste erschreckend lange nichts von der Existenz dieses Songs. Ich bin immer davon ausgegangen, das Lil‘ Kim und DJ Tomekk einfach einen verdammt guten Song geschrieben haben. Erst viel später ist mir die gesamte historische Bedeutung von „Kimnotyze““ aufgegangen.

Das Original ist ein Klassiker, gerappt von East Coast Legende und TuPac-Gegenspieler Notorious B.I.G. Der Song wurde kurz vor seinem Tod veröffentlicht, auch er wurde Opfer des Streits zwischen den Küsten. Zu Lebzeiten galt B.I.G. als Mentor von Lil‘ Kim. Er war aber vor allem ihr Liebhaber. Die Beziehung insgesamt eher problematisch. Zum einen, weil sie noch ein Teenager war, als die beiden sich kennenlernten. Zum anderen wohl aber auch, weil B.I.G. ihrzufolge aggressiv und teilweise gewalttätig war.

In Anbetracht dieser Hintergründe wird nicht nur der aggressive Inhalt von „Hypnotize“ um einiges aussagekräftiger. Auch Lil‘ Kims musikalisch eher zweifelhafte Zusammenarbeit mit Dj Tomekk bekommt eine neue Tragweite: „Kimnotyze“ ist die Selbstermächtigung einer Frau, die aus einem großen Schatten heraustritt.

1998 Beginner feat. Samy Deluxe – Füchse

1998 ist das Jahr, in dem Deutschrap einen gewaltigen Schritt in Richtung Massentauglichkeit und Popularität macht. Die Siebenmeilenstiefel tragen dabei die Beginner, die mit ihrem Album „Bambule“ den Nerv der Zeit treffen. Nicht nur, dass sie einfach gut rappen. Ihnen gelingt auch inhaltlich der Spagat zwischen bildungsbürgerlichem Spaß-Rap (Die Fantastischen Vier) und der Straße (Rödelheim Hartreim Projekt).

Samy Deluxe und die Beginner etablieren sich mit „Füchse“ als Zentrum der Hamburger Rapszene. Und Hamburg wiederum bis auf Weiteres als Zentrum der deutschen Rapszene. Ach ja: Füchse sind auf jeden Fall keine Rudeltiere. Aber was solls.

1999 Eminem – My Name Is

Gab es jemals einen fulminanteren Stage-Entry als den von Eminem im Jahr 1999? In kürzester Zeit kannte jeder seinen Namen. Und mit jeder meine ich auch mich, sieben Jahre alt, groß geworden im Schwarzwald. Auf die Gefahr hin, dass Offensichtliche zu benennen: Eminem betrat als extrem weißer Typ die Bühne, die bisher fast ausschließlich afroamerikanischen Künstlern gehört hatte. Nicht, dass es nicht vorher schon weiße Rapper gegeben hätte. Aber sie hatten auch so gerappt – über Parties und Spaß, ein bisschen Politik vielleicht. Eminem hingegen spuckte in jeder Zeile Hass, beleidigte seine Mutter, andere Rapper und überhaupt alle. Er war Hardcore. Und er war verdammt gut.

Zusammen mit Marilyn Manson wurde Eminem für viele gutbürgerliche Amerikaner zum Inbegriff des Bösen. Man machte ihn für Amokläufe und die Verrohung der Jugend verantwortlich. Ich würde ihn vor allem dafür verantwortlich machen, dass sich mehr Jugendliche ans Rappen machten und fuck heute als harmloses Allerweltsschimpfwort gilt. Und er war bestimmt für viele unangenehme Situationen an den Esstischen vieler Familien verantwortlich.

Hier geht’s zu Teil 1 der History of Rap zurück und hier zu Teil 3.


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