Die ultimative History of Rap: Part 3

Das neue Jahrtausend brachte die endgültige Kommerzialisierung von Deutschrap – vor allem von Gangsta-Rap. Die gesamte Musikindustrie wurde von der Digitalisierung auf den Kopf gestellt und Rap bildete keine Ausnahme. Außerdem war ich alt genug, um voll dabei zu sein in Sachen Rap. Ab 2004 erlebte ich das Meiste quasi live vorm Fernsehen mit.

2000 Torch – Blauer Samt

Immer wenn ich in die Verlegenheit komme, erklären zu müssen, inwiefern Rap intellektuell sein kann, argumentiere ich mit Torch. Ist eine sichere Nummer. Er hat nur ein Album veröffentlicht. Schon das weist eindeutig auf ein verstörtes Genie hin. Dann hat er es auch noch nach einem David Lynch Film (vielleicht dem besten) benannt und lässt darin Klaus Kinski zu Wort kommen („Ich spiele nicht. Ich bin das.“). Meta much? „Mal eben in zwei Stunden U-Haft den gesamten Staat studiert.“ Deswegen kann man sich auch ruhig eine Stunde Zeit nehmen und dieses ganze Album studieren.

Es ist unmöglich, einen Song daraus rauszulösen und als besonders prägend zu definieren. Denn Torchs „Blauer Samt“ ist als Gesamtwerk vielleicht das meistzitierte Album des deutschen Raps. Von Marsimoto („Grüner Samt“) und Sookee („Lila Samt“) bis K.I.Z. („Wir werden mal Stars““) – Torch ist ihr Vater.

2001 Missy Elliott – Get Ur Freak On

Zwei Grammys, mehrmals Platin – Anfang der Nuller Jahre wird Missy Elliott zum Weltstar. Aus vielen Gründen ist das einen Eintrag in der Rap-Geschichte wert. Sie ist eine Frau, die sich nicht den gängigen Schönheitsstandards und Rollenvorstellungen unterwirft. Sie hat ihre Erfolge als Solo-Künstlerin eingefahren und war lange Zeit die Rapperin mit den meisten Plattenverkäufen weltweit.

„Get Ur Freak On“ ist definitiv der Hit, der all das verkörpert: eigen, aber eingängig; seltsam, aber irgendwie sexy. Produzent des Songs ist übrigens Timbaland, der allen, die in den Nuller Jahren Herzschmerz erlebt haben, ein Begriff ist.

2002 Eminem – Lose Yourself

Wie gern erinnert man sich heute an die Zeit, als Eminems größter Konkurrent er selbst war. 2002 könnte man vielleicht als Höhepunkt dieser Auseinandersetzung ausmachen: Mit „8 Mile“ erscheint nicht nur das Bio-Pic über Eminems Leben, sondern auch der Prototyp für alle Rap-Biopics, die da noch kommen werden (ich sag nur: „Zeiten ändern dich“).

Und noch dazu ist „8 Mile“ wirklich ein ganz guter Film. Natürlich ist es der Soundtrack, der ihn wirklich sehenswert macht: die atmosphärische Musik und die Rap-Battles on Scene. Herausragend aber „Lose Yourself“. Mehr Reime in den ersten Lines als der Durchschnittsrapper in einem Song unterbringt („His palms are sweaty, knees weak, arms are heavy / There’s vomit on his sweater already: mom’s spaghetti“) – Enjambements, Gleichklänge, Doppelreime – you name it. Außerdem auch mehr Inhalt, mehr Storytelling. Ein absolut verdienter Oscar für den besten Film-Song.

2003 Bushido – Bei Nacht


So wenig von Bushidos Street Credibility heute auch übrig geblieben ist: Mit dem Split-Video „Bei Nacht / Electrofaust“ hat er deutschen Straßenrap aus dem Untergrund ins Bewusstsein der Jugend befördert. Der Sound von Bushido ist damals stark elektronisch beeinflusst und damit härter als der Rest – nichts zum Kopfnicken, sondern eher zum Nackenklatschen. Dazu passend die Inhalte der Raps, Bushidos Auftreten, sein von Aggro Berlin detailverliebt inszeniertes Image (inklusive Hals-Tattoo).

Große Inspiration für den Song war übrigens 50 Cents Debütalbum „Get Rich or Die Tryin’“, das im selben Jahr erschienen ist. (Genau so wie der Hit „In Da Club““, den wohl bis heute jede*r an den ersten zehn Sekunden erkennt und dann nie wieder aus dem Kopf kriegt.)

„Bei Nacht“ ist kommerziell gesehen noch kein Durchbruch, aber in jedem Fall der Wegbereiter für das, was deutschen Gangsta-Rap und Aggro Berlin dann endgültig ins Zentrum der deutschen Empörungsgesellschaft katapultiert, namentlich:

2004 Sido – Mein Block

Es passiert eher selten, dass ein einzelner Mensch den Lauf der Geschichte verändert – und sei es nur der der Musikgeschichte. Nicht jeder Hit ist bahnbrechend innovativ oder gar gesellschaftsverändernd. Sidos „Mein Block“ schon. Es ist nicht übertrieben, ihn als Song einer Generation zu bezeichnen. „Mein Block“ weckte in tausenden mehrfach marginalisierten Halbstarken den Lokalpatriotismus und in den Bildungsbürgerkindern den Neid auf das Prekariat.

Sido wurde mit „Mein Block“ nicht nur das Aushängeschild von Aggro Berlin, sondern das – ironischerweise maskierte – Gesicht einer neuen Ära in Sachen Deutschrap. Seit 2004 ist deutscher Gangsta-Rap ein zentraler und öffentlichkeitswirksamer Aspekt von HipHop.

„Mein Block“ kann im Übrigen auch als Beginn einer massenmedialen Skandalisierung von Deutschrap gelesen werden. Hier liegt der Ursprung für die deutsche Variante der Rap-verdirbt-die-Kinder-Debatte, die in Feuilletons mit der gleichen Intensität und Ahnungslosigkeit geführt wird wie die Poetik-des-Straßenrap-Analyse. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

2005 Kool Savas – Das Urteil

Der Ursprung von Rap liegt im Battle, dem „Wettstreit mit Worten“, wie man im Mittelalter gesagt hätte. Ob der Ursprung des Wettstreits mittelalterlich ist, ist unklar. Jedenfalls ist es in vielen Kulturen Tradition, die Mütter (und gerne auch alle anderen weiblichen Verwandtschaftsmitglieder) des Gegenübers zu beleidigen. Die Tradition nennt sich „playing the dozens“ und ist sowas wie ein Mannbarkeitsritual. Klingt erstmal seltsam, wenn man aber bedenkt, dass unsere Kulturen patriarchal geprägt sind, dann doch irgendwie plausibel. Hurensohn ist eben ein Schimpfwort, das in den meisten Sprachen funktioniert. So auch auf Deutsch.

Besonders gut funktioniert es, wenn Kool Savas es sagt. Der Beef, den der inofizielle King of (Deutsch)Rap sich mit seinem ehemaligen Schützling lieferte, war das, woraus feuchte Gangsta-Rap Träume Mitte der Nuller Jahre gemacht waren. „Das Urteil“ vereint alles, was ein richtig guter Battle-Track braucht: Storytelling; Drohungen, verpackt in Wie-Vergleiche („Ich knips‘ dich aus wie ’ne Nachttischlampe“); Waffengeräusche und ein fulminantes Ende, das nur wegen seiner Homophobie kritisiert werden kann. Savas würde zu diesem Vorwurf wahrscheinlich nur sagen: „Zeigt mich an, denn dieser Track ist wie Mord.“ True.

2006 Bushido – Sonnenbankflavor

Ich weiß, drei deutsche Gangstarap-Tracks hintereinander ist hart, aber stay with me. Das ist nämlich der Punkt: Mitte der Nuller Jahre ist deutscher Gangsta-Rap auf einmal DAS DING. Aggro Berlin geht durch die Decke. Genau wie Bushido, auch wenn er schon nicht mehr bei dem Label ist, sondern sich mit Ersguterjunge selbständig gemacht hat.

„Sonnenbank Flavour“ ist stilistisch gesehen so was wie „MfG“ von den Fantastischen Vier in cool. Inhaltlich reduziert, völlig auf die Reime fixiert, reiht Bushido Reizwörter aneinander, die eine Art dadaistisches Selbstporträt ergeben. Sehr poetisch.

Außerdem ist „Sonnenbank Flavour“ etwas für Freund*innen großer Video-Kunst: Das Video war immerhin für einen Echo nominiert. Und musste sich leider Tokio Hotels „Der letzte Tag“ geschlagen geben. Bis heute eine der dunkelsten Stunden des Deutschrap, würde ich sagen.

2007 Soulja Boy – Crank That (Soulja Boy)

Willkommen im Neuland Internet. „Crank That (Soulja Boy)“ ist wahrscheinlich der erste virale Hit der Weltgeschichte. Und er schafft die Voraussetzungen für Internetphänomene wie „Gangnam Style“ und „Happy“, weil Soulja Boy auf die geniale und grausame Idee kommt, seinen monotonen Song mit einem Tanz zu unterfüttern. Sowas hatte es seit „Macarena“ nicht mehr gegeben.

Bei „Crank That (Soulja Boy)“ lief aber einiges anders als bei „Macarena“: Los Del Rio konnten zwar die Leute auch schon mit einem Musikvideo zum Tanzen anstiften, die Kommunikation war aber einseitig. YouTube ermöglichte es hingegen, Soulja Boy-Fans ihre Moves mit der Welt zu teilen, eigene Musikvideos zu ihrem Lieblingssong zu machen und sich auszutauschen. Es folgte eine Flut von „Crank That (Soulja Boy)“ Home-Videos, Parodien, Remixen und Zusammenschnitten. Und man konnte zum ersten Mal live mitverfolgen, was Kunst im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit bedeutet.

2008 Peter Fox – Alles neu

2008 haben die wenigsten damit gerechnet, dass man Rap jetzt nochmal auf einen neues Mainstream-Level heben kann. Und wohl keiner hat geglaubt, dass Seeed-Mitglied Peter Fox das Unwahrscheinliche bewerkstelligen würde. Seeed waren mit ihren Dancehall-Tracks in Deutschland super erfolgreich, in der Rap-Szene aber eher ein Randphänomen, das mit dem erfolgreichen Gangsta-Rap nichts zu tun hatte. Und dann kam Peter Fox und machte vielleicht nicht alles, aber doch einiges neu.

Peter Fox‘ Album „Stadtaffe“ leitete sowas wie die Pop-isierung des Deutschraps ein. Fox unterlegte seine Songs mit einer gefälligen und für Hip Hop ungewöhnlich opulenten Orchestrierung (das Babelsberger Filmorchester spielte „Stadtaffe“ ein). Und er schaffte den Spagat, Texte zu schreiben, die deutlich weniger anstößig als das Gros der Raptexte waren, aber eben auch raffinierter und humorvoller als der übliche Pop.

2009 Eminem feat. Rihanna – Love the way you lie

Wenn man von der Pop-isierung von Rap spricht, dann muss man die Kommerzkollaborationen des drogengebeutelten Eminem ansprechen. Mit Rihanna und „Love the way you lie“ fing alles an (auch wenn die Zusammenarbeit mit Dido für „Stan“ retrospektiv irgendwie als eine Art Vorbote gelesen werden kann). Dann folgten gefühlt ein Dutzend Songs mit Frauen wie Skylar Grey, aber auch mit den notorischen Hit-Maschinen Bruno Mars („Lighters“) und Ed Sheeran („River“). Purist*innen verteufeln diese Feature allesamt. Gerne in Form der Frage: Ist das noch Rap? Ich finde, in Kontrast mit poppigen Hooks wird nur noch deutlicher, wie gut Eminem rappen und vor allem erzählen kann. Leider wird deshalb in den weniger gelungenen Features auch der Niedergang deutlicher, aber darüber wollen wir am liebsten gar nicht reden.

Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2 der History of Rap. Teil 4 ist auch online.

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