Die ultimative History of Rap: Part 4

Die letzten Jahre waren für Rap eine wahre Blütezeit: Chartrekorde wurden geknackt, Stadionkonzerte ausverkauft und Streamingdienste mit Playlisten übernommen. So viele Rapper*innen waren an diesen Erfolgen beteiligt, dass es schwer fällt, einen Song für jedes Jahr auszuwählen. Noch sind die 2010er Jahre nicht kanonisiert worden. Alle Songs, die hier ausgewählt wurden, hätten auch durch andere ersetzt werden können. Die Zeit wird zeigen, wer wirklich wie relevant war. Und meine Alternativvorschläge zeigen, wer da noch so im Rennen sein könnte.

2010 Marteria feat. Yasha – Verstrahlt

„Verstrahlt“ ist Marterias erster veritabler Hit – Jedenfalls als Marteria. Sein grünes, zugedröhntes Alter Ego Marsimoto ist schon seit „Halloziehnation“ (2006) zumindest in der Szene bekannt wie, naja, ein bunter Hund (oder eben grüner Alien mit hochgepitchter Stimme). Marsi ist und bleibt aber eher ein Nischenphänomen. Marterias sprachverspielte Raps und die weichen, synthi-wabernden Beats hingegen öffnen Hip Hop nach einem Jahrzehnt harten Straßenraps wieder für die Mittelstandkids. Zusammen mit seinem inzwischen besten Buddy und Kollabo-Partner Casper leitet Marteria eine Wende ein, die Hip Hop zurück in die Kinderzimmer der Einfamilienhäuser in die Vororte bringt.

Not so fun fact: Seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima wird der Song im Radio nicht mehr gespielt.

Auch 2010 erschienen: Kanye Wests Mega-Ohrwurm „Power“ und das großartige Cross Over Projekt von Nas und Damian „Jr. Gong“ Marley mit der Single „As We Enter“.

2011 Cro – Easy

Raop – der vielleicht krasseste Überraschungserfolg des Jahres 2011. Cros Erfolgsrezept: Für sein Mixtape „Easy“ und das Debütalbum „Raop“ verwendete er vor allem superbekannte Samples (hier: „Sunny“ von Bobby Hebb) von Iggy Pop bis Bloc Party und rappte über Parties, Frauen und das insgesamte sehr leichte Leben in Deutschlands Süden. „Easy“ erschien zwar mitten im Winter, untermalte aber bis zum Sommer jede WG-Party in Deutschland. Außerdem etablierte Cro endültig Skinny Jeans als die neuen Baggys. Geometrische Tattoos und Supreme-Caps eroberten die Hörsäle und niemand hatte etwas dagegen einzuwenden (außer natürlich ein paar hartgesottene Oldschool-Rapheads, aber denen hörte niemand zu).

Dabei gibt es durchaus Dinge, über die man bei Cro hätte stolpern können. Also mal abgesehen von der lächerlichen Panda-Maske. Zum Beispiel Zeilen wie: „Doch wenn sie plötzlich so’n kleines Ding zeigt, du eigentlich schon weißt, der zweite Strich heißt, es ist aus und vorbei – bleib‘ easy; und wenn sie heiraten will, schon nach drei Tagen chillen dein ganzes Haus und deinen Leihwagen will – erschieß sie.“ Steile These, aber: Wenn andere (lies: nicht-weiße, nicht-schwäbische, nicht-gutbürgerliche) Rapper davon rappen würden, wie sie schwangere Frauen sitzen lassen oder Gespielinnen erschießen, sobald diese eine enge Beziehung suchen, wäre der Aufschrei durch die Bank – von Feuilleton bis Feminismus – sicher groß. Beim süßen Carlo aus dem Schwabenländle haben aber alle – inklusive mir – mitgerappt und es sich gut gehen lassen.

Auch 2011 erschienen: Kollegahs Doubletime-Epos „Mondfinsternis“ und Wiz Khalifas Partykracher „Black and Yellow“.

2012 Kendrick Lamar – Swimming Pools (Drank)

„Swimming Pools (Drank)“ ist die Leadsingle von Kendrick Lamars Major-Debütalbum „Good Kid, M.A.A.D. City“. Der Song schaffte es bis auf Platz 17 der Billboard Charts und beförderte Lamar innerhalb weniger Wochen in den Mainstream. Auch international war „Swimming Pools (Drank)“ ein Erfolg: Der Song wurde Lamars erster Charteinstieg in Großbritannien. Damit zeigte sich schon, auf welchem Weg seine Karriere sich befand: steil nach oben.

Der Song ist – typisch für Lamar – Teil einer langen Storyline, die sich über das ganze Album zieht und sich mit dem Leben in Los Angeles‘ Problemstadteil Compton befasst. Wie viele von Lamars Texten ist „Swimming Pools (Drank)“ eine Introspektive, ruhig und weich vorgetragen. Einen Bruch stellt der Stimmwechsel zur zweiten Hälfte des Songs dar, der eine Art Gewissensstimme Kendricks darstellt. Das erinnert irgendwie an „Guilty Conscience“ von Dr. Dre und Eminem – ersterer hat immerhin „Good Kid, M.A.A.D. City“ mitproduziert . Vielleicht also gar keine so abwegige Assoziation.

Auch 2012 erschienen: Macklemore & Ryan Lewis‘ „Thrift Shop“ und Tuas – wie immer epochales – Werk „Raus“.

2013 Haftbefehl – Chabos wissen wer der Babo ist

Haftbefehl ist von allen, wirklich allen, einstimmig zum Revoluzzer des eingerosteten deutschen Gangsta-Rap erklärt worden.

Die Feuilletons sahen in ihm den Rapper, dem es gelingt ethnische Differenzen zu überwinden und eine Art Universalsprache des globalisierten Zeitalters zu schaffen. Er mischt sämtliche Sprachen, die man sich vorstellen kann, kreiert dazu eigene Begrifflichkeiten und schafft so eine Ausdrucksweise, die einzigartig und doch nie gekünstelt ist. Haftbefehl rappt wie die Straße redet. Und was er sagt, wird neues deutsches Gesetz. Oder zumindest Jugendwort des Jahres, wie 2013 „Babo“.

Einziger Kritikpunkt, der von den Feuilletons gelegentlich angebracht wird: antisemitische Tendenzen in einigen von Haftbefehls Texten. Seinem Erfolg hat das bisher keinen Abbruch getan.

Die Rapheads und -fans waren begeistert von dem roughen Auftreten, das authentisch durch die Biographie des Babos bestätigt wird: Schule abgebrochen, Ausbildung abgebrochen, Vorstrafen, Flucht vor der Polizei ins Ausland, Freundschaft mit Deutschlands einzigem ‚echten‘ Gangsta-Rapper Xatar – die Liste ist lang. Und natürlich waren sie begeistert von Haftbefehls schnell hingerotzten, harten Lines.

Einziger Kritikpunkt: Wegen der eigenwilligen Sprachmelange, den harten Beats und der abgehackten Delivery versteht man als ungeübte*r Hörer*in nur die Hälfte.

Auch 2013 erschienen: Iggy Azaleas kommerzieller Durchbruch „Work“ und Migos‘ Track „Versace“, der es über Remixe zu viraler Berühmtheit brachte.

2014 Nicki Minaj – Anaconda

„Anaconda“ brach nach Release den 24 Stunden-Streaming Rekord auf vevo (und verdrängte damit Miley Cyrus‘ mit „Wrecking Ball“ von der Eins). Die Single stieg bis auf Platz zwei der Billboard Charts (Platz eins wurde blockiert von niemand geringerem als Taylor Swift mit „Shake It Off“). Entgegen dem allgemeinen Trend also Spitzenplätze alle fest in weiblicher Hand.

Auch inhaltlich ist der Song eine Selbstbehauptung in einer Männerdomäne. Das verwendete Sample von Sir Mix-a-Lots „Baby Got Back“ ist allein schon eine Kampfansage: die Aneignung eines Songs, der Frauen objektiviert (beziehungsweise hauptsächlich ihre Hintern, der Rest der Frau ist ziemlich egal). Dann rappt Minaj auch noch darauf, was sie so mit Männern anstellt – im Bett, am Essenstisch und überhaupt. Die Männer sind dabei hilflose Opfer, den Trieben ihrer Anaconda gefügig folgend und werden schlussendlich mit einem lockeren Jab abserviert. Danke dafür.

Auch 2014 erschienen: Pharrell Williams Dauerschleifen-Tanzzwang „Happy“ und Haftbefehls nicht minder tanzbares „Lass die Affen aus dem Zoo“ (plus mega Remix mit K.I.Z.).

2015 K.I.Z. (feat. Henning May) – Hurra die Welt geht unter

„Hurra die Welt geht unter“ – das Album und die Single – markieren sowas wie das Erwachsenwerden von K.I.Z. mit dem niemand gerechnet hatte. Vor allem aber hat niemand damit gerechnet, dass es gut werden würde. K.I.Z. waren bekannt für in ihrer Rohheit nur durch Intelligenz übertroffene Deine-Mutter-Witze und ein insgesamt ruppiges wie ironisches Auftreten. Mit „Hurra die Welt geht unter“ werden die Komponenten neu gemischt und auf ein anderes Level gehoben. Das Album ist ruppiger denn je. Manche Songs sind in der Direktheit mit der sie den abgefuckten Status Quo darstellen kaum zu ertragen. Immer sind diese Analysen intelligent, oft durch Übertreibung ironisch und irgendwie auch ein bisschen witzig.

„Hurra die Welt geht unter“ zeigt auch, dass K.I.Z. sich in ihrer uneingeschränkten künstlerischen Freiheit treu bleiben. Pippi Langstrumpf und die Ärzte sampeln, ein Fake-Album releasen oder mal eben Schlager-Stars werden – es gibt nichts, was nicht geht. So auch ein Feature mit einem bis dato relativ unbekannten Indie-Musiker mit Reibeisenstimme.

Auch 2015 erschienen: das schon abgeschriebene Comeback von Dr. Dre zum Film „Straight Outta Compton“ und das heftigst antizipierte nächste Album von Kendrick Lamar „To Pimp A Butterfly“.

2016 Yung Hurn feat. RIN – Bianco

Cloud Rap ist inzwischen sowas wie ein Schimpfwort geworden. „Bianco“ zeigt aber, dass das keineswegs berechtigt ist: Cloud Rap kann im besten Sinne dadaistisch sein und dabei eben atmosphärisch und lässig. Das JUICE-Magazin wählte den Track zur Single des Jahres, nachdem er sich unerwartet zum Sommerhit entwickelt hatte. Eigentlich hatten RIN und Yung Hurn auch eine ganze EP gemeinsam geplant. Leider ist „Mafia der Liebe“ bis heute nicht erschienen. Man kann also nur mutmaßen, wie viele Hits unter den Tisch gefallen sind. Passend übrigens: Yung Hurn kommt natürlich aus Wien, der Stadt deren Söhne schon immer einen Faible für Songs über Kokain hatten (Falco „Mutter der Mann mit dem Koks ist dar“ und „Der Kommissar“, Georg Danzer „Ganz Wien träumt von Kokain“).

Auch 2016 erschienen: Bonez MC und Raf Camoras Dauerokkupation der Chartspitze beginnt mit „Ohne mein Team“ und setzt sich mit „Palmen aus Plastik“ fort.

2017 Cardi B – Bodak Yellow

Ich habe es ja schon mal gesagt: Cardi B ist vielleicht die wichtigste, mit Sicherheit aber die spannendste Rapperin der Gegenwart. Und „Bodak Yellow“ ist der Song, der beides – ihre Relevanz und ihre Besonderheit – in unter vier Minuten präsentiert. Er schaffte es an die Spitze der Billboard Charts, das war davor als Solo-Rapkünstlerin nur Fugees-Legende Lauryn Hill gelungen. Und er zeigt auch, dass Cardi B eine wahnsinnig gute und eigenwillige Rapperin ist: Der Beat ist minimalistisch und lässt ihr den Raum, alles mit ihrer Stimme zu füllen und zu modulieren. Es bereitet ihr absolut kein Problem, den Flow nur über Stimmfarbe, Sprechgeschwindigkeit und Intonation zu variieren. „Bodak Yellow“ war als Lead-Single auch ein Versprechen für das Album „Invasion of Privacy“, das Cardi B unglaublicherweise einhalten konnte.

Auch 2017 erschienen: Trettmanns „Grauer Beton“ – das vielleicht krasseste Comeback des Jahrhunderts – und Bausas „Was du Liebe nennst“, das Hip Hop endgültig ausverkauft.

2018 Drake – God’s Plan

Fun Fact: Anders als Bausa, der für das Video von „Was du Liebe nennst“ so viel Geld wie möglich in fünf Tagen verprasste, gab Drake das Geld, das ihm für den Dreh von „God’s Plan“ zur Verfügung stand, für gemeinnützige Zwecke aus. Da beide Künstler ihren Umgang mit Geld aber gleich prominent inszenieren, kann man schon mal fragen, ob der Unterschied wirklich so groß ist oder ob nicht beide letztlich damit nur sagen: Seht her, ich habe viel Geld und weiß nicht, wohin damit.

Musikalisch ist „God’s Plan“ ein so generischer Drake Song, dass man ihn fast nicht besser beschreiben kann als damit, dass er eben ein Song von Drake ist. Viele Menschen scheinen diese Vorhersehbarkeit zu schätzen. Jedenfalls war „God’s Plan“ der meist gestreamte Song des Jahres. Ich habe mal gelesen, dass der witzigste Witz der Welt gar nicht so witzig ist. Es ist einfach nur ein Witz, der niemanden beleidigt und den alle verstehen – quasi der kleinste gemeinsame Nenner von Humor. Und Drake ist vielleicht sowas wie der kleinste gemeinsame Nenner von Hip Hop.

Auch 2018 erschienen: Haiytis revolutionäres Album „Montenegro Zero“, das leider zu speziell ist, als dass es revolutionsrelevante Massen erreichen würde und Olexesh aka „Rolexesh“ verlagert zusammen mit Capital Bra („Berlin lebt“) Deutschraps liebsten Migrationshintergrund endgültig in Richtung Osteuropa. Ich nenne das die Bratanisierung des Abendlandes.

2019 Lizzo – Juice

Lizzo beweist: Selbst 2019 kann man die Musikindustrie noch revolutionieren. Geschafft hat die Detroiterin das mit „Truth Hurts“, ihrer Single, die ohne großen Promotionsaufschlag ein Riesenerfolg wurde. Eingängig wie ein Pop-Song, inklusive spritzigem, femininem Video in bester Taylor Swift-Manier – dann aber regelrecht zapfige Mit „Juice“ schlägt sie in dieselbe Kerbe: Lizzos Songs sind unfassbar eingängig, sie machen Lust, mitzusingen und zu tanzen. Wie das aussehen kann, macht sie in ihren Videos vor und ist damit zur Galionsfigur der Body Positivity Bewegung geworden. Von ihr wird man sicher noch viel hören, denn sie ist einfach „Good as Hell“.

2019 kommt noch einiges auf uns zu: das neue Trettmann-Album zum Beispiel und Releases von Snoop Dogg und Rick Ross. Wir kamen außerdem schon in den Genuss eines originalgetreuen Dendemann-Comebacks, eines perfekten Tua-Albums und Tyler, the Creators‘ großartige Introspektive „Igor“.

Hier geht’s zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3 der History of Rap.


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