Haiyti „Montenegro Zero“ Track by Track

Endlich. Am 12. Januar hat Haiyti ihr Debütalbum veröffentlicht. Alles, was ich dazu in der Badischen Zeitung schreiben durfte, waren 1100 Zeichen. Viel zu wenig, um ihr gerecht zu werden. Viel zu wenig, um all das in Worte zu fassen, was „Montenegro Zero“ kann. Dass ich Haiyti großartig finde, habe ich ja bereits verraten. Warum das so ist, erfahrt ihr hier auf Albumlänge – Track by Track.

1. 100.000 Fans

Störgeräusche. Einen passenderen Einstieg in Haiyitis Album hätte man sich kaum einfallen lassen können. Ihre schrille Stimme: eine Rockröhre auf Helium. Ihr Style: ein Lude mit Starallüren. Das alles gepackt in einen nervösen Song, der (noch) nicht vorhandene Fans in dadaistischer Manier besingt. Allein der Mut, ein Album so unkonventionell zu eröffnen, begeistert mich. Die Freude an der Onomatopoesie, der Übertreibung um der Übertreibung willen und dem aufgekratzten Hype greift sofort über.

Beste Zeile: „Roll‘ auf sehr breiten Reifen / Drück‘ die Tränen in die Zeilen“

2. Sunny Driveby

Beattechnisch bricht „Sunny Driveby“ radikal mit dem treibenden „100.000 Fans“. Eher schleppend entwickelt sich der Song: Ein Lowrider, der mit 20 durchs Wohngebiet rollt. Alles klingt ein bisschen nach den Achtzigern, einer Jacky Kennedy Sonnenbrille und Kopftuch (Natürlich hat sie das gemerkt und deshalb auch so getragen). Aber Haiyti wäre nicht Haiyti, wenn sie nicht das Fenster runterkurbeln und auf jemanden schießen würde. Davon lässt sie sich in ihrer zurückgelehnten Entspanntheit nicht einmal beeindrucken. Dass das alles dann auf einen Lovesong hinausläuft, ist einfach nur noch frech.  Romantik heißt bei Haiyti: „Für dich mach ich ein‘ Sunny Driveby“.

Beste Zeile: „Der Himmel ist blau, der Flieder fliedern“

3. Gold

Sonnige Romantik und tiefe Melancholie trennen auf „Montenegro Zero“ nur Sekunden. Vom selbstbestimmten Luder ist nur noch ein Häufchen Elend übrig, das sich auf jede erdenkliche Art und Weise zu betäuben versucht. Der monotone Disco-Beat von „Gold“ transportiert die beklemmende Melancholie des Rauschs. Wenn Falco ehrlich zu sich gewesen wäre, dann hätte er diesen Song geschrieben. So aber ist es Haiyti, die den Emo-Trap erfindet.

Beste Zeile: „Verloren im Crushed Ice / Auf der Suche nach Highlights“

4. Mafioso

Turn up hat einen Namen: Haiyti. Es ist unmöglich, bei diesem Song nicht auszurasten und völlig die Nerven zu verlieren. Dem rotzigen Charme dieses brutalen Familienepos kann man sich einfach nicht entziehen. Die Sopranos sind ein Matriarchat. Alles ist eine einzige Hyperbel. Zu lautes Geschrei, zu viel Waffengeklicke, zu trappiger Sound, zu brutal.

Beste Zeile: „Weil ich viel lieber in Geld, statt in Schaum bade“

5. Berghain

Eine rap-gewordene Absage an den Technohype, der die Monotonie der Globalisierung auf die Spitze treibt. Und gleichzeitig der beste Techno-inspirierte Song, den man hätte machen können („Eins A Discostoff“). Ein Ohrwurm auf Speed, der sich zu einer schier unerträglichen, schlaflosen Ekstase steigert. Ohne je im Berghain gewesen zu sein, kann man sich genau ausmalen, wie sich die schlampige Schlaflosigkeit dort anfühlt und warum eine rebellische Räubertochter wie Haiyti (mit bürgerlichem Namen natürlich Ronja) eine Nummer zu groß dafür ist.

Beste Zeile: „Nehme dich mit wie ein Häppchen“

6. Kate Moss

Wie krass gut der Rest des Albums ist, merkt man erst, wenn man von diesem Song regelrecht unterwältigt ist. Er ist immer noch locker auf dem Niveau der sonst so gefeierten Soundcloud-Rapper (RIN, sorry…), aber eben weit unter dem von „Montenegro Zero“. Die Einspieler sind zwar gut gemeint, aber vermitteln keine Stimmung. Und auch das absolute Markenzeichen Haiytis, die bis zum Erbrechen wiederholte Hook, funktioniert nicht wie sonst als dadaistische Bloßstellung der allgemeinen Vanitas. Eigenlicht nervt sie nur. „Kate Moss“ bleibt irgendwie flach – wie Kate Moss. (Konnte ich mir nicht verkneifen.)

Beste Zeile: „Ich bin voll parfümiert, doch ich schieße“

7. Bahama Mama

Was für ein Bild von einer Frau. Sie ist selbstbewusst, wunderschön, ohne gestylt zu sein und die Welt liegt ihr zu Füßen. Anders gesagt: sie ist eben nicht Kate Moss. Die Dancehall Ode „Bahama Mama“ mit ihrem Reggae-Einschlag feiert alle selbstbewussten Frauen, die es neben Haiyti noch gibt. Wenn man lange genug hinhört, wird man selbst eine von ihnen. Sie sind entspannt, versaut, elegant und freakig. Die Tatsache, dass Männer in dem Track maximal zuschauen dürfen, macht ihn schon fast zu einem feministischen Statement.

Beste Zeile: „Wir trinken Bahama Mama / Alles heute nicht mañana“

8. Serienmodell

Die Achtziger haben angerufen und möchten sich dafür bedanken, dass Haiyti ihnen ein lässig-trappiges Make-Over, passend zum neuen Jahrtausend, verpasst hat. Zugekokst und abgewrackt reflektiert sie über die Menschheit im Zeitalter ihrer technischen Retouchierbarkeit und kommt zu dem Schluss, dass man sich mit dem, was sich nicht ändern lässt, besser freudig abfindet.  Aus „Sie ist ein Model und sie sieht gut aus“ wird so „Ich bin ganz anders, ganz speziell. Ich bin ein Serienmodell“.

Beste Zeile: „Wenn ich komm‘, komm‘ ich bestellt“

9. Bitches

Haftbefehl sagte mal (zu mir, aber das nur am Rande), Frauen könnten keinen Gangsta-Rap machen, weil das einfach nicht authentisch wäre. Frauen seien nicht brutal, würden Kriminalität nicht wirklich erleben. Mal davon abgesehen, dass solche Aussagen bei mir Hass provozieren, der mich auf jeden Fall zur Gewalt fähig macht, ist hier der Gegenbeweis. Der Beat ist minimalistisch, düster und mehr als unterschwellig bedrohlich. Vor allem aber lässt er Raum für atmosphärische Bilder aus dem Rotlichtmilieu. Haiyti ist dabei natürlich nicht die Prostituierte, sondern eher der Lude. Mit ihr und einem dicken BMW fährt man vorbei an menschlichen Abgründen und verruchten Vierteln. Dabei bleibt alles so ruhig wie das melodietragende Klavier, denn schließlich sitzt man neben der Bigbaus überhaupt.

Beste Zeile: „Q8 pumpt Bass, Fensterscheiben sind unten“

10.  Haubi

Die Kinder vom Bahnhof Zoo sind erwachsen geworden und haben den Absprung offenbar nicht geschafft. Stattdessen vegetieren sie zwischen Dreck und Müll und erwachen nur zum Leben, wenn Haiyti über sie rappt. Dabei vermeidet sie jeden Pathos, zeichnet stattdessen Miniaturen aus dem Alltag der Verstoßenen, Siechenden und Leidenden, die ihnen eine Art poetische Würde geben.

Beste Zeile: „Das Leben geschrieben auf Blech / Du kriegst mich hier nicht mehr weg“

11. Monaco

Man kann sich vorstellen, wie Aristoteles Onassis und Flavio Briatore sich gleichermaßen um die Pelz tragende geheimnisvolle Schöne bemühen. Vergeblich natürlich. Denn eins ist klar: Ihr Haus in Monaco hat Haiyti selbst verdient, selbst eingerichtet und beschallt es jetzt auch noch mit „Monaco“. Sie ist das, was der große Gatsby hätte sein können, wenn er sich nicht der Schwäche der Verliebtheit hingegeben hätte.

Beste Zeile: „Lebe in den Tag, alles wie gehabt“

12. American Dream

Wie es so schön heißt: Das beste kommt zum Schluss. Wenn man gerade denkt, man hätte jetzt wirklich alles gehört, was ein einzelner Künstler in ein Album packen kann (Trap, Techno, Neue Deutsche Welle, Dancehall, Reggae), setzt Haiyti noch einen drauf. Großes Kino eben, ohne falsche Bescheidenheit. „American Dream“ ist eine Ballade, die das goldene Zeitalter Hollywoods wieder aufleben lässt. Gleichzeitig ist es aber natürlich auch eine melancholische Hymne an die Schwierigkeiten, die eine selbstbestimmte, erfolgreiche Frau so hat: Der Mann ist weg, sie hat ihn verlassen, es tut ihr Leid. Sehr postfeministisch zu verstehen, dieser „American Dream“. Und mein absoluter Lieblingstrack auf „Montenegro Zero“.

Beste Zeile: „Sterne regnen, ich bin Popstar“

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